Tina Wiegand Der Tag der Katze Es war ein miserabler Tag gewesen. Gleich um acht hatte das graue Telefon auf seinem Schreibtisch gerasselt. "Der Boss will Sie sprechen". Kein "guten Morgen", kein "hier spricht Entenhauser", kein "würden Sie bitte herauf kommen", nur die kreischende Stimme dieser vertrockneten Männerhasserin, die zu jedem passenden und unpassenden Moment errötete, wie ein zorniger Puter. Es war nicht einfach, die respektlose Assoziation mit einem ausgetrockneten Radieschen zu unterdrücken, die sie zwangsläufig erzeugte. Im Gegensatz zu anderen, kundenorientierten Chefs, hielt sich sein Boss diese Schrulle in der Absicht, sich unangenehme Begegnungen vom Hals zu halten, und so hatte sie den Sonderstatus eines bissigen Wachhundes, der trotz sabbernder Lefzen mit am Tisch sitzen durfte, und Filets serviert bekam. Er wusste schon, warum der Boss ihn sprechen wollte. Die Umsatzzahlen gingen zurück. Aber was sollte er machen? Mehr als 60 Stunden die Woche konnte er nicht arbeiten. Wenn die verdammten Japaner die gleiche Produktqualität zu niedrigeren Preisen anboten, so war das nicht seine persönliche Schuld. Jeder verstand das außer dem Boss. Nach qualvollen Stunden in den tiefen Ledersitzen, in denen sogar er als 1,98m Riese wie ein Schulbub versank, um den Napoleonkomplex seines Bosses zu beschwichtigen, der so seine Gegenüber souverän erst körperlich, dann argumentativ zu überragen pflegte, war der Tag nicht besser geworden. Tammy, die niedliche Blondine, die er vor einigen Wochen als Sekretärin eingestellt hatte, hatte sich schon längst als Schuss in den Ofen entpuppt. Erst goss sie seinem besten Kunden eine Tasse Kaffee übers Jackett, dann vergaß sie, eine wichtige Verabredung zu verschieben, und für vier Briefe, die er ihr diktiert hatte, brauchte sie geschlagene fünf Stunden. Verzweifelt hatte er seine Ablage selbst gemacht, damit die Chance stieg, das ein oder andere wichtige Schriftstück wieder zu finden. Auch ihr runder Hintern entschädigte ihn nicht für seine Fehlentscheidung, die er, wie er sich eingestehen musste, mit dem falschen Köperteil getroffen hatte. Der Feierabend erleichterte ihn folglich weit mehr als sonst und er verließ aufatmend das imposante Bürogebäude, das er vor einigen Jahren herzklopfend zum ersten Mal betreten hatte, um seinen Traumjob zu anzutreten. Zuhause angelangt endete der Versuch, sein Auto in der Garage abzuschließen mit einem abgebrochenen Schlüssel, und als er den hübschen Bungalow betrat, den er seiner attraktiven Frau Lesley bewohnte, stolperte er als erstes über den schwarzen Kater Muffel, der den Platz direkt hinter der Eingangstür zu seinem Lieblingsplatz erkoren hatte. An dieser Entscheidung des Katers wiederum war nicht zu rütteln, denn dank Lesleys rückhaltloser Unterstützung hatte Muffel schon längst die Position des Alphatiers bezogen. Zum ersten Mal an diesem Tag begann er wüst zu fluchen. "Oh, hallo, Darling schön, dass du da bist. Entspann dich und komm Essen!" flötete Lesley aus der Küche. Zu gerne hätte er ihr von den Ereignissen des Tages erzählt, doch Lesley hasste es, über Probleme zu reden. Sie war der Überzeugung, dass Probleme sich durch Nichterwähnung lösen ließen. Nach dem Essen ließen sie sich vor dem Kamin nieder und Lesley begann zu stricken. Sie hatte bereits eine ganze Kiste mit Kleidungsstücken gefüllt, die alle mit "chen" endeten. Söckchen, Mützchen, Jäckchen und Schühchen erfüllten sie mit dem Entzücken, das ihren anschwellenden Bauch zu düngen schien. In wenigen Wochen sollte sich der erste Nachwuchs einstellen. Gedankenversunken beobachtete er sie. Was, wenn die Umsatzzahlen weiter fielen? Was, wenn der Boss dabei blieb, in ihm, dem Geschäftsführer weiterhin den Sündenbock für die schlechte Wirtschaftslage zu suchen? Was, wenn er seinen Job verlor? Wie sollte er Lesley das erklären? Sie war immer in einer wohlhabenden Situation geborgen gewesen und kannte keine materiellen Sorgen… "Muffel…Muffel, komm her!" Aber selbst Muffel betrachtete ihn mit unverhohlener Verachtung. Lesley lachte. "Seit wann gehorchen Katzen einem Befehl?" Der leise Spott in ihrer Stimme provozierte ihn. Ungeduldig stand er auf, schnappte den Kater im Genick und trug ihn zu seinem Sessel zurück. Erwartungsgemäß verfiel Muffel sofort in die Tragestarre, was den verletzten Mann für einen kurzen Moment mit dem Gefühl von Macht erfüllte. Doch kaum lockerte er den Griff, schon fauchte Muffel sein Herrchen an. "Spiel nicht den Revoluzzer. Ich bin sowieso stärker als Du!" in der Stimme des Herrchens schwang die gedemütigte Wut eines herabwürdigenden Tages mit. Muffel wirbelte herum und schlug nach seiner Hand, was angesichts der operativ entfernten Krallen jedoch wenig wirksam war. Stattdessen bekam er nun einen Schlag von Herrchens großer Hand ab. Wütend versuchte er immer wieder, die große Hand mit seinen weichen Pfoten zu verletzen, aber die Gegenschläge wurden zunehmend härter. Als es Muffel gelang, seine Zähne in die große Hand zu graben, packte ihn diese und warf ihn mühelos auf den Rücken. Wie mit einem Schraubstock war das Tier nun auf den Schoss des Herrchens gepresst, und die gebissene Hand zottelte erbarmungslos das Bauchfell, was Muffel mehr hasste als alles andere, denn er war dort entsetzlich kitzelig. Er jammerte kläglich. "Jetzt ist aber Schluss!" Lesleys Stimme klirrte eisig. "Das Tier ist nicht dein Blitzableiter!" Er nahm den Kater und pfefferte ihn mit einer harten Bewegung von sich. "Warte nicht auf mich. Ich nehme deinen Wagen!" fauchte er und verließ das Haus mit einem energischen Türenknallen, dem ein nachhaltiges Reifenquietschen folgte. Dann war alles wieder still. "Manchmal wünschte ich, du könntest dich wenigstens wehren!" murmelte Lesley leise. Ihr fiel nicht auf, dass in diesem Moment ein bläulicher Schimmer von ihren Lippen sprang, der in den Augen des Katers ein seltsames Leuchten erzeugt, das seine grünen Augen für immer verändern sollte. Muffel hob nur kurz den Kopf und rollte sich dann schnurrend zusammen. Ein unguter, kalter Instinkt wusste nun, dass ab jetzt manche Dinge nie wieder geschehen konnten. * Einige Stunden später wurde vor dem dunkel schweigenden Haus ein Auto etwas schief am Straßenrand geparkt und ein deutlich angetrunkene Fahrer pellte sich heraus, der nach einigen ergebnislosen Versuchen, die Türe abzuschließen, das Fahrzeug einfach unverschlossen stehen ließ. Über die wankenden Planken seines Vorgartens näherte er sich kichernd auf kleinen Umwegen der heimischen Haustüre. Immerhin war ihm in Bezug auf das Öffnen seine Haustüre Erfolg beschieden, gefolgt allerdings von der üblichen Katzen-Stolperpartie über Muffel und einem daraus resultierenden Tiefflug, der hart von einer Treppe abgefangen wurde, die naturgemäß nicht ausweichen konnte. "Verfluchtes Katzenvieh irgendwann zieh ich dir das Fell über die Ohren!" zischte er lautlos und die gute Alkohollaune war dahin. Mühsam arbeitete er sich zur Haustüre zurück, um diese zu schließen. Muffel saß unbeweglich mitten im Gang und starrte ihn an. "Glotz nicht so blöd!" Wie von Geisterhand geführt, schloss sich mit einem mal die Türe. Mit einem gemäßigt sanften "Plopp" fiel sie ins Schloss. Ein unbeweglicher Muffel beobachtete das Gesicht seines Herrchens, das nun erstarrte und den typischen Gesichtsausdruck eines Menschen annahm, der im betrunken versucht sich zu erinnern, ob es draußen windig gewesen war. Als sich jedoch nun die Kette des Vorhangschlosses sanft erhob, um sich selbst vorzuschieben, drang die Erkenntnis durch den Alkoholnebel, dass es sich hier nicht um herkömmliche Vorgänge handeln konnte. In der Folge zog es selbst der Nebel vor, sich entschieden zurückzuziehen. Mit unterdrücktem Entsetzen wanderte der Blick des Mannes zu dem Kater, in dem nun eine unglaubliche Veränderung vorging. Das Tier war zu der Größe eines Pumas angewachsen, der seine Ohren flach am Kopf angelegt hatte und ein glänzendweißes Raubtiergebiss kam zum Vorschein. Als hätte dieser Anblick noch nicht genügt, erwachte blau-glänzendes Kaltlicht in den Augen des Tieres, das den Körper des Mannes durchdrang, sich in seinem Knochenmark festzog und dort abgrundtiefes Grauen wachrief. Völlig nüchtern und von einem eisigen Frost durchdrungen, tastete er sich langsam, ganz langsam, rückwärts. Muffel rührte sich nicht, sondern tyrannisierte ihn lediglich durch seinen entsetzlichen Anblick. Dann, plötzlich, ging alles sehr schnell. Eine riesige Hand schien den Mann hochzuheben und durch die Luft zu tragen. Verzweifelt versuchte er sich zu befreien, doch die überdimensionale Hand war um vieles stärker. Er kratzte, biss und schlug nach der Hand, die ihn wie ein Schraubstock hielt. Doch damit erreichte damit nur, dass eine zweite Hand aus dem Dunkel erschien und ihm einen heftigen Schlag versetzte. Er schrie vor Schmerz und kämpfte um sein Leben, das sich vor lauter Schreck aus seinem Körper zu entfernen drohte. Das Entsetzen drohte seinen Herzschlag zu beenden und er stand kurz davon, aufzugeben, als er Lesleys verzweifelte Stimme hörte: "Darling, wach auf, was ist denn los? Bitte, wach doch auf!!!!!" Er öffnete seine Augen und starrte in ihr erschrockenes Gesicht. Scheinbar war er im Fernsehsessel eingeschlafen. War das alles ein Traum gewesen? "Lesley, Muffel er hat versucht mich zu töten!" Die Besorgnis im Gesicht seiner Frau verwandelte sich schlagartig in Ärger. "Ist es nötig so viel zu trinken, dass man nicht mehr weiß, was man redet?" fragte sie frostig "Ich denke, du gehst jetzt lieber ins Bett!" sie drehte sich um und zog sich entschieden in ihr Zimmer zurück. Sein Körper schmerzte, als er sich erhob und in Richtung Bad wankte. Im Gang saß der schwarze Kater, den er ohne Zögern mit einem Tritt in die nächste Ecke beförderte. "Jetzt träum ich sogar schon von diesem Vieh!" schimpfte er leise und bereitete sich für die Nacht vor. Hätte er das ungute blaue Leuchten in den Augen des Katers bemerkt, wäre sein Schlaf in dieser Nacht wohl kaum so tief und traumlos erfolgt. * Am nächsten Morgen war Lesley um eine Spur kühler als sonst, aber sie bemühte sich um Freundlichkeit. Es gab Situationen, in denen er es durchaus begrüßte, dass sie sich standhaft weigerte, über Schwierigkeiten zu reden. "Nimm ruhig meinen Wagen mit. Mutter holt mich heute ab und wir fahren ans Meer. Wahrscheinlich komme ich erst nach dir nach Hause!" Lesleys Mutter war für die jungen Leute so was wie der oberste Gerichtshof. Sie wusste Bescheid über richtig und falsch, ohne dass sie jemals über irgendetwas diskutieren würde. Mama gab durch ein Lächeln ihre Zustimmung, und durch elegantes Hochziehen ihrer linken Augenbraue ihre Missstimmung zu Verstehen. Allerdings wurden Entscheidungen, die Mamas Augenbraue bewegt hätten, niemals getroffen, sondern wurden umgehend, unkommentiert verworfen. Wenn Lesley mit ihrer Mutter unterwegs war, kam sie nie vor Mitternacht nach Hause und Lesley wurde ihrer Mutter nur mit den nötigsten Sätzen von seinem übertriebenen Rausch in Kenntnis setzen. Er fühlte sich sofort schuldig, wie ein Schulbub, der beim Schuleschwänzen ertappt worden war. Hastig kippte er eine Tasse Kaffee in seinen verdorbenen Magen, zwang sich zu einem Lächeln, küsste sie flüchtig auf die Wange und verließ mit einem "Grüße Mama von mir! Ich wünsche Euch einen schönen Tag!" das Haus. * Es war schon lange dunkel und in der Ferne zog ein Sturm herauf, als er ihren Wagen vor dem gemeinsamen Haus anhielt und es traurig betrachtete. Jetzt war es soweit. Er hatte seinen Job verloren und es würde keine Möglichkeit geben, das Haus zu halten. Mit hängendem Kopf betrat er das Haus und hängte seinen Mantel an die Garderobe. Er verwarf die Überlegung, ob er sich etwas zu essen machen sollte und verzog sich sofort mit einem Glas Rotwein vor den offenen Kamin. Dann stutze er, denn er war zum ersten Mal seit Monaten nicht über Muffel gestolpert. ‚Vielleicht hatte ihn doch endlich eine Auto platt gewalzt’ dachte er gehässig. Draußen rüttelte der Sturm an allem, was nicht Niet- und Nagel fest war, und in der Ferne begann der Donner zu grollen. Lesley und seine Schwiegermutter waren sicherlich landeinwärts gefahren, um in irgendeinem kleinen Restaurant zu essen. In Gedanken begann er sein Selbstverteidigungsplädoyer vor einer erhobenen Augenbraue durchzuspielen. Aber die Formulierungen waren zu schwach. Ungeduldig erhob er sich, um eine Inspirationswanderung durch das Wohnzimmer aufzunehmen. Als er sich herumdrehte, stockte sein Blut in den Adern. Seine Augen trafen auf das kalt-blaue Licht, das aus einem Raubtierkopf mit gefletschten Zähnen und angelegten Ohren schoss. Gewaltsam riss er sich aus der Lähmung des Horrors und stürzte auf seinen Schreibtisch zu, in dem er seit Jahren eine geladene Pistole aufbewahrte. Hektisch riss er die Waffe an sich und als er wieder diese Hände spürte, feuerte er einfach zwei Schüsse in die Luft. Für den Bruchteil einer Sekunde schien sogar der Sturm die Luft anzuhalten, doch mit dem wuchtig einbrechenden Donner ertönte ein hämisches Lachen, dass von allen Seiten über ihn hereinbrach. In rasender Angst suchten seine Augen nach der Quelle des Lachens, bis er der Reflektion seines eigenen, lachenden Gesichts im Spiegel über dem Kamin begegnete. Hinter ihm saß die Statue des personifizierten Hasses und blaues Leuchten schien ihn wieder festzunageln. Dann kamen die Hände wieder… "Der Grund für den Selbstmord Ihres Mannes liegt wahrscheinlich darin, dass er gestern seinen Job verloren hat. Unsere Recherchen bei der Bank ergaben, dass er Schulden gemacht hat, die seine Möglichkeiten bei weitem überstiegen hätten!" Die Stimme des Kommissars war nüchtern und sachlich. Lesley saß in ihrem Sessel und streichelte Muffel, der schnurrend in ihrem Schoss lag. "Aber es gibt einige ungeklärte Punkte, wie z.B. den, dass er mehrere Schüsse in die Decke abgegeben hat, bevor er sich selbst erschoss. Aber es sind keine Spuren zu finden, die darauf hindeuten, dass irgendjemand anders im Raum gewesen wäre. Auch ist es verwunderlich, dass er Ihnen keine Nachricht hinterlassen hat!" Lesley strich sich über die blasse Stirn. "Mir ist nicht gut Herr Kommissar, können wir morgen weiter machen?" bat sie. Der Kommissar ließ seinen Blick über ihren hochschwangeren Bauch schweifen. "Natürlich!" antwortete er, nahm seinen Mantel und Lesley begleitete ihn zur Türe, nachdem sie den widerstrebenden Kater von ihrem Schoss geschubst hatte. Draußen blieb der Mann nochmal stehen und blickte zurück. Es war ihm, als würde ihn jemand beobachten. Doch nur diese schwarze Katze saß am Fenster. Kopfschüttelnd kehrte er dem Haus den Rücken zu und ging nachdenklich davon. Das kalt-blaue Licht in den Katzenaugen nahm er gar nicht wahr. Asiatisches Katzenragout Das Rezept ist auch mit Rind-, Lamm- oder Hühnchenfleisch, sowie Kabeljau sehr schmackhaft. 1 große weiße Zwiebel, 3 Stäbchen Stangensellerie, 4 Knoblauchzehen und Ingwer nach Blieben würfeln und in Sesamöl kurz anbraten. 500 g Gewürfeltes Filet hinzugeben und nach Wunsch englisch, Medium oder ganz durchbraten und mit Sojasauce ablöschen. Danach Sojasprossen hinzufügen und noch ein wenig blubbern lassen. Dann nach Wunsch mit etwas indischem Curry und Kreuzkümmel abschmecken. Am Schluss nach Geschmack mit frischem Koriander anreichern. Dazu reicht man Duftreis und süß-scharfe Gurken. Mahlzeit! |
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