Wolfgang Hoehn Durch den Magen: CSAP (für Iris †) Auf einmal war es finster. Nein, eigentlich fühlte es sich an, als blendete der Grand Regisseur langsam aus: Als Abspann noch einmal alle nicht umgesetzten Vorhaben, alle unerfüllten Träume, alle erkalteten Sehnsüchte, die Credits des Lebens, eine Anklage an die Dämlichkeit, sich überblendende Szenen, ohne Anfang mit dem finsteren Ende. Aus. Fertig. Das war's. Das war schon oben. Unten rannte, schimpfte, stritt es weiter. "Mama! Du hast schon wieder auf den Mittwoch vergessen!" "Räum bitte erst dein Zimmer auf!" "Kommt Papa am Freitag wieder so spät?" Ein Leben. Ein einziges. Es fühlt sich so banal an. So entsetzlich schwer, eine Bürde, Last, von wegen Leichtigkeit. Am leichtesten ist es, wenn einem alles am Alltag vorbei geht. Dann wird das Schwere leicht, war es so gedacht? Ich stand in diesem Schlafzimmer, es roch noch nach Kindheit, meiner Kindheit, ein wenig auch nach Mutters Liebhaber, wenn 9 Jahre alte Liebhaber noch riechen können. Igitt. Mutter starb früh mit knapp 50 Jahren, ein Schock. Ich bin zum Glück erst 37, puh, Schwein gehabt. Wie oft machte ich diesen blöden Scherz? Noch 12 Jahre zu leben, mindestens, zwölf ganze lange Jahre und schon drei Kinder, kommen noch welche? Warum nicht? Herrgott, lass mich länger leben als Mutter, die niemals richtig Großmutter sein durfte, bitte, bitte. Natürlich werde ich Oma werden, selbstverständlich, ich werde mein Enkelkinder fast so lieben wie meine eigenen, nur anders. Ich grinse ins halbdunkle Schlafzimmer, alles wie immer. Heißt: Kühle Erinnerungen. Bettpfosten eiskalt. Schrankwand eiskalt. Mutter ist weit weg. Ein Schatten huscht: fort. Das habe ich gelernt: Mutter muss weit weg sein, sonst bin ich dem Leben nicht nah genug. Hab ich begriffen. Die Katzen sind auch alle weg, gut so, mein Bruder mag keine Katzen, ich kann ihn nun verstehen, früher mochte ich sie sehr. Er hat sich rar gemacht. Ich habe mich rar gemacht. Was H. wohl gerade anstellt? Er hat mich geheiratet, weil? Nun leben wir auf Antigua, selten reisen wir zurück nach Lindau, es hält uns nichts in der alten Welt, alles Sturköpfe, Scheuklappen, gezwungenermaßen, dieses ganze Deutschland, voller Spießer, Jammerlappen, Besserwisser. Wie ungerecht ich sein kann. Ich lebe tatsächlich auf einer Insel. Grüneres Gras. Noch 12 Jahre mindestens, fährt mir durch den Sinn und: Mutter. Mutter! Ich wollte meinen Lebensabend darauf verbringen, nun stehe ich im Schlafzimmer meiner Eltern, um ein paar Sachen abzuholen, und falle tot um, Herzinfarkt. Seltsam, dieses Leben. Noch einen kleinen Moment rauscht dieser kurze und ewig lange Film an mir vorbei, kaum 38 Jahre Leben, Sequenzen, Sehnsüchte, Träume, Anklagen, 38 Jahre nur, Herrgott!, die Hälfte von dem, was mir zustünde. Ich höre die Sarabande der Suite HWV 447 in d-moll von Händel, Keith verzaubert Elfenbein und Ebenholz durch samtweiche Anschläge zu einem nicht enden wollenden Reigen aus Melancholie und allumfassendem Wissen, dann umfasst mich das, was ich früher Kälte nannte. Für immer. "Mam, machst du uns Pancakes zum Abschied?", überfallen sie mich, ich habe kaum Zeit, abzuwinken, die Koffer noch nicht zu, die Papiere am Tisch, Luft aus Hektik, Aufbruch, Sorge. Sie bleiben natürlich zu Hause, die Racker, was sollte ich mit drei Quenglern auf Bürokratenreise? Sie fehlen mir jetzt schon. Wohin mit meinen Gedanken? Aber Pancakes eine Stunde vor Abfahrt? "Ich verspreche, welche zu machen, sofort, wenn ich wieder da bin!" "Das sind noch zwei Wochen hin! Ich kann sie riiiechen, Mam, ach bitte..." Könnten auch drei Wochen werden, denke ich, je nachdem, wie es läuft in Deutschland. "Zwei Wochen? Das dauert ja eine Eeewigkeit!", dehnt der Älteste und verdreht die Augen. "Eine Eeeewigkeit...", äffen die beiden anderen ihn nach. Wenn zwei Wochen eine Ewigkeit sind, was sind dann "nie wieder" Pancakes? Was gäbe ich, könnte ich ihnen jetzt welche brutzeln. Ich sehe sie hantieren mit der Pfanne, der Teig pappt an, der Kleine schluchzt und poltert, er bekommt einen dieser Anfälle seitdem ich Asche bin. Nichts zu machen, Therapeuten auf der Insel taugen nicht viel, außerdem wollen die Kinder nicht. Wenn man nicht will, was sollen dann die anderen machen? Beten, schreien, schimpfen? H. kommt und gibt Tipps, aber seine Seele kreischt voll verschlungener Finger, die sich nicht mehr entknoten. Der Älteste kippt die Teigmasse in die zerschmolzene Butter. Nicht so viel! rufe ich ins Leere, nein, ich brülle aus entleibten Kräften, wohl wissend, dass es im Nichts verhallt. Die Äpfel sind zwar endlich ordentlich geschält, aber sie haben vergessen, welche die richtige Sorte ist, die, welche nach meinen CSAPs schmeckt, so wird das nie etwas, es muss misslingen. Sie schaffen auch nicht die Taschenform, meine Güte, was habe ich mich bei jedem einzelnen Pancake angestrengt, dass ich diese runden Taschen hinbekam. "Meiner soll auch so aussehen wie Jörgis!" "Kein Pancake gleicht einem anderen, niemals...", besänftigte ich immer wieder. "Sie sind wie ein Fingerabdruck, der auch immer anders aussieht, der aber immer Teil eines Fingers sein wird, nichts zu machen, ein Finger bleibt ein Finger, mag er sich auch noch so anstrengen, ein Ohr zu werden, er bleibt ein Finger. " Wenn sie unzufrieden waren, tröstete ich oft damit. Ein Finger bleibt ein Finger. Eine Note 6 bleibt eine 6, nur die nächste Note hat eine neue Chance. Ein fieses Wort bleibt es für alle Zeiten, man kann höchstens bereuen. Einem kann vergeben werden. Das fiese Wort bleibt. Es hängt in der Luft. In der eigenen Seele. Ein Finger bleibt ein Finger, er kann sich noch so anstrengen. Als der Älteste sein Geschlecht entdeckte und von Tag zu Tag unzufriedener wurde: Ein Finger bleibt ein Finger... Und ich Idiot falle einfach tot um, einfach so. Da kann man sich anstrengen, wie man will, schreit es in mir totenstill. Als würde ich nicht noch gebraucht. Sie brauchen mich nicht, wie ich sehe, das ist am schwersten zu verdauen im Tod, auch wenn es Mut macht. Anderen, nicht mir. Ich habe noch ein Stück Wegs vor mir, bevor ich die Traurigkeit besiegt habe. Ich sitze in der Leere mit nichts um mich herum als Gedanken und würde gerne Pfannkuchen backen, schon seltsam, ich rieche sie förmlich: erst die Butter, wie sie in der Pfanne zerfließt und leicht hellbraun anbrät, Bläschen bildet..., den Teig, der sich hineinwindet, dann rasch die Apfelscheiben hineindrücken..., wie der Teig aus dem kleinen Apfelkrater quillt..., dann muss es schnell gehen: Ränder hochklappen, Teig nachtröpfeln, Pancake drehen, wenden, nachbessern, goldbraun mit hell- und dunkelbraunen Tupfen, der Fingerabdruck eines jeden Pancakes. "Jörgi, was siehst du bei diesem Pancake?" "Ähem..., ich sehe... sehe... eine Höhle, aus dem ein Drache schlüpft und grimmig Zucker speit." Gelächter. "Ich sehe einen Pancake, der Zimt furzt!" Schallendes Gelächter. Jetzt muss ich blödes totes Stück Fleisch ebenso lachen. Von wegen Himmel. Von wegen Hölle. Noch nicht einmal ein totes Stück Fleisch, nicht einmal das. Ich kann sie besuchen, wann immer ich will, ich will nur immer seltener. Sie lassen ebenfalls immer mehr los. Ist vielleicht besser so. Ich hätte ja auch wahnsinnig werden können und in einer Anstalt durch die Gegend geschoben werden müssen. Ein langsames, quälendes Ende mit quälenden Besuchen, bei denen sie den Duft der Pancakes mit dem Duft einer noch lebendigen Toten eintauschen: niemals mehr wieder Pancakes haben wollen, weil sie diesen Zustand nicht sehen wollten, diesen Duft grässlich finden. Sie machen sich gut. Ich schaue hin und wieder vorbei und bin immer glücklich, wenn sie nicht in der Küche stehen. Der Geruch geht mir nicht aus der Nase, nicht aus dem Sinn. Ihnen geht es ebenso. Mittags zu viert am Küchentisch, diesen klobigen, großen Teil, das unser Schiff war, das uns durch so manche stürmische See trug. H. und mich. Mich und die drei Jungs. Mich allein. Sie riechen die Pancakes, wann immer sie es wollen, das ist wunderbar und schrecklich zugleich. Was sollen sie anderes tun, ich liebe sie auch noch immer. Loslassen hat nichts damit zu tun, eine Liebe zu verlieren. "Woran denkst du, Jörgi?" "Sag ich nicht." Die drei sitzen am Tisch. Es ist nun ihr Schiff. Nur die See ist rauer geworden, Hurrikanzone. H. ist nachmittags nie zu Hause. Sie sitzen und spielen Sich-Anöden. "Wir haben es fast ein Jahr lang nicht mehr versucht...", gibt Jörgi zu. "Fang nicht schon wieder damit an!", sagt der Älteste vorwurfsvoll. "Ich kann den Duft nicht vergessen!", schreit Jörgi. "Und ich kann Mam nicht vergessen!", fährt der andere ihn an. "Das meinte er doch damit...", raunzt der Ältere und stützt seinen Kopf in die Hand. Eine lange Pause kehrt ein. Sie gucken sich an. Einmal schneidet einer eine Grimasse. Ein andermal haut einer den Arm eines anderen. Schweigen, gegenseitiges Ärgern und Radau wechseln sich ab. Jungs eben. Ich gucke nur. So werden sie mich niemals vergessen. Dann kommt mir eine Idee: Warum nicht den Tod ein wenig betrügen, schließlich hat er mich um mein Leben betrogen. Ich flüstere: Pancakes... Nichts. Nochmal: Ccccinnamon Ssssour Apple Pancakessss... Die Luft vibriert. Jörgi ruckt sich aufrecht, rückengerade. "Was ist der süßsauerste Apfel, den es gibt?", fragt Jörgi steinern. Ich: Brae Burn... "ICH HAB'S!", kreischt der Mittlere. "Es lag am Apfel. Nur an den Äpfeln. Wir haben die falschen Äpfel genommen!" Brae Burn... Zwei Wörter kleben in der Luft. Sie geraten in Fahrt. Suchen Speisekammer und Kühlschrank ab: Mehl, Eier, Zimt usw., alles da - bis auf die Äpfel. Drei wie unter Strom stehende Kinder rasen in den Supermarkt, kaufen frische Brae Burn ein, sonst nichts. "Sonst nichts?", fragt die Frau an der Kasse. Sonst nichts. Mehr brauchen drei sehnsuchtsvolle Jungen nichts. Wozu auch? Alles geht nun als wäre es tausendfach einstudiert. Was sonst schief ging, klappt jetzt, der Kleine deckt den Tisch, der Älteste rührt den Teig, der Mittlere schält die Äpfel, ... Meine Jungs: ein Team. Nur bisweilen muss ich mich einmischen, aber ich muss nicht mehr rufen, ich hauche nur noch: die Scheiben fester eindrücken..., die Kanten rechtzeitig hochklappen... Die Fenster sind alle geschlossen, konservieren den Duft. * Als Mahl beganns. Und ist ein Fest geworden, kaum weiß man wie. * "Heee, Paps, Mam war da!", jubeln sie ihm entgegen, kauend. "Waaas?", zürnt er. "Ich mag solcherlei Scherze nicht, das wisst ihr." Dann riecht er den Duft. Seine Augen werden feucht und er schiebt die Kinder zur Seite, nichts könnte ihn jetzt aufhalten, keine Karriere, kein Aktienkurs, keine Blondine. Ich jubiliere: er liebt mich noch und denke, er ist genau deswegen auch ein Idiot. Er sieht den Küchentisch und die Reste der Cinnamon Sour Apple Pancakes auf den Tellern. Er greift sich mit den Fingern ein Stück und steckt es sich in den Mund, Augen zu. Die Kinder stehen um ihn herum und strahlen vor Freude: volle Bäuche, volles Herz. "Wir haben dir einen übrig gelassen: hier!" Der Pancake ist warm genug, um den zuckrigen Zimtduft zu dampfen. "Wie habt ihr das gemacht?", fragt er kauend, verlassenen Blickes. "Wir sagten doch: Mam war hier!" Er sieht seine Kinder an und wird schwer, ganz schwer. Ein Stuhl voller Liebe an einem Tisch voller Zufriedenheit, die Augen ein Freudenstrahlen. "Sie war nie fort..." "Und nun kommt sie wieder öfters!" "Ich kann sie fühlen..." Der Tisch verlässt das Trockendock. "Ja, so muss es wohl gewesen sein", sagt er abwesend. "So wird es sein..." Ich stehe beglückt auf und die Leere weicht um mich herum als wäre ich eine Majestät. Mein Bauch wird auch leicht. Ich könnte jetzt sagen, ich träte irgendwo ein oder es öffnete sich etwas. Nichts dergleichen. Ich sage nur: Auch jenseits des Himmels kann es schön sein. Mehr verrate ich nicht. Versucht es zu begreifen, wenn ein Duft euch durchströmt. Zum Beispiel der von Cinnamon Sour Apple Pancakes. Freising, Mittwoch, 17. November 2004, eine Stunde wortplatzanweisende Ego-Befriedigung an einem somit verlorenen Nachmittag, an dem ich mit meinem Sohn eine Stunde länger hätte spielen, toben, lachen können. Cinnamon Sour Apple Pancakes (CSAP) Für 4 Pers.: 400g Mehl 5 gr. Eier 2 gestr. Teelöffel Salz Päckchen Vanillinzucker 2 geh. Esslöffel Zucker fettarme Milch 6 Brae Burn Äpfel aus Neuseeland, frisch, saftig und sauer, auf keinen Fall zu reif Zucker, Zimt Butter Pflanzenöl Mehl, Eier, Milch, Salz, Vanillezucker verquirlen, bis zähflüssig, aber gut gießbar. Äpfel schälen, entkernen und in 0,66cm dicke Scheiben schneiden. Teflonpfanne erhitzen, 2 Teelöffel Butter rein, paar Tropfen Öl, Teig eingießen je nach gewünschter Größe, entkernte und geschälte Äpfel Stück an Stück von der Mitte her in den Pfannenteig eindrücken, aber einen Teigrand lassen von etwa 2 - 3cm. Wenn Teig angebräunt, Ränder seitlich einklappen, dann Pancake wenden und beide Seiten auf schwacher bis mittlerer Stufe goldbraun anbraten. Vor dem Servieren nicht zu sparsam mit Zucker überstreuen, darauf Zimt. Den Pancake in Quadrate mit etwa 2,5cm Kantenlänge schneiden, einmal durchmischen zu einer Art Scheiterhaufen, damit der Saft der Äpfel dabei durchziehen kann. |
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