Home
Frauen Kinder Kueche Wer Mail Impressum
Maenner Kultur Medi-Eck Anzeigen Chat Links

Tina Wiegand

Mitleid mit einem Zaunpfahl
Geschichte eines Helfersyndroms an Weihnachten


Für jeden Mitarbeiter der helfenden Berufe ergibt sich irgendwann in seiner Laufbahn die Notwendigkeit, sich mit seinem eigenen Helfersyndrom auseinanderzusetzen. Eine geeignete Methode, dies zu tun, ist die Trancearbeit mit dem inneren Kind. Wie diese Phantasiereise bei mir selbst vor vielen Jahren ablief, könnt Ihr hier nachlesen.


Heilig Abend

Als hätten sie ein Eigenleben, trugen mich meine pelzbestiefelten Füße durch den knirschenden
Schnee. Sie hinterließen ihre Spuren wie Muttermale auf dem makellosen Gesicht der glitzernden
Fläche, die beleidigt mit Hilfe des Windes die Schandflecken eiligst ausbügelte, damit nichts an
meine Anwesenheit erinnerte. Die dicken Schneeflocken, die von irgendwo da oben, zunächst einsam und allein gen Erde taumelten, fanden sich in Grüppchen zusammen und setzten allem, was sich kühl und ruhig verhielt, vorwitzige weiße Mützchen auf. Ein hübscher Anblick, hätte ich nicht gefröstelt bei der Vorstellung, wie kalt sich eine Mütze aus Schnee anfühlen mußte. Entschlossen, und etwas schneller als zuvor marschierte ich weiter, bevor ich Gefahr lief, in meinem Mitleid mit einem Zaunpfahl zu ersaufen.

Ziellos wanderte ich durch die Straßen. Es war eine hübsche Stadt mit hübschen Häusern in
hübschen Gärten, die hübsch dekoriert in festlichem Glanz erstrahlten. Ebenso, wie die hell
erleuchteten Fenster, hinter denen hübsch angezogene Menschen an hübsch gedeckten Tischen
hübsche Gesichter machten und hübsche Konversation pflegten.

Als Kind hatte mich niemand verstanden, wenn ich angesichts solcher Pracht unvermittelt in Tränen ausbrach. Sie wollten nicht hören, dass ich an die vielen, einsamen Menschen denken musste, deren Weihnachtsgeschenk darin bestand, sich an überfließenden Schaufenstern die Nasen platt zu drücken und von den Dingen zu träumen, die sich auf unserem Gabentisch türmten. Die soeben ausgepackten Geschenke ins Waisenhaus tragen zu wollen, war nicht nett! Das wurde mir streng mitgeteilt. Ich hatte die Gefühle derer, die mich so reich beschenkt hatten, zutiefst verletzt. Und das an Weihnachten, dem Fest der Liebe. Ich war so hübsch an- und doch so ungezogen.

Mit der Zeit hatte man sich jedoch mit meinem eigenartigen Tick abgefunden, der darin bestand, alles, was mir verloren erschien nach Hause zu schleppen, um mich und meine Familie zur Pflege der armen Kreaturen zu verpflichten. Die anderen Familienmitglieder hatten nie besonders engagiert mitgespielt und so sperrte ich sie in die Schublade der grenzenlosen Egoisten und verkramte den Schlüssel. Wenn sie gewusst hätten, daß ich soeben mit Mühe und Not dem Mitleid mit einem Zaunpfahl entronnen war – na ja, es hätte ins Bild gepasst und ich hätte mal wieder den Ruf gepflegt, den ich schon längst verloren hatte.
.
Gerade als ich begann, mich damit abzufinden, ein komischer Kauz unter Paradiesvögeln zu sein,
entdeckte ich ein kleines Bündel, zusammengekauert in einem Hauseingang. Es war ein kleines
Mädchen. Ein graues, menschliches Lumpenknäuel mit einem schneeweißen Mützchen....nein, kein Mützchen. Der Schnee hatte sich in einem Büschel völlig verfilzter Haare gefangen, deren Farbe nicht mehr erkennbar war. Wie kühl mußte ein Kopf sein, auf dem sich der Schnee so lange hielt?

Tod! Gestorben! Aus! Zu spät!

Mit ihren dürren, harten Krallen griff die Ohnmacht nach mir, grinste hämisch und drehte mir eine lange Nase. Ihr Anblick jagte mein Adrenalin in jede noch so unbedeutende Nervenzelle.
Gedanklich verpasste ich ihrem widerlichen Rattengesicht eine schallende Ohrfeige und versah sie mit den übelsten Schimpfwörtern, die mir einfielen. Die Tatsache, daß ich aus einer angesehenen Familie stammte, hatte mich nicht daran gehindert, mir ein beträchtliches Gossenvokabular anzueignen. Das Jonglieren mit Schimpfwörtern war das beste Mittel, wirklich hübsche Menschen bis auf die Knochen zu schockieren – und mich selbst im gleichen Maße zu blamieren.

Die Ohnmacht jedoch konnte ich nicht schockieren. Ihr konnte ich nur entgegentreten, indem ich
etwas tat. Irgendetwas. Dumm, klug, riskant oder gefährlich – egal. Nur schnell mußte es
gehen. Lediglich meine Aggression konnte mich vor ihrem Zugriff retten, der sich, wenn sie es wirklich darauf anlegte, einfach lahm legte und mich zu Phlegma und Tumbheit verurteilte.
So vermied ich den Gedanken daran, wie mich der Anblick des grauen Gesichtes eines erfrorenen
Kindes hätte schockieren können, kniete vor ihm nieder und griff nach seinem Arm… Mit einem
äußerst lebendigen schrill-entsetzten Schrei fuhr es zurück und warf mir einen vernichtenden Blick zu.
Nur mit Mühe hielt ich mich davor zurück, dasselbe zu tun. Stattdessen behielt ich mein
warmherzigstes Samariterlächeln bei. Es hinderte diese zwei klaren, stahlblauen Kinderaugen nicht daran, mich mit einem eisigen Blick zu fixieren. Meine wohlgeübte gehobene-Mittelstands-Souveränität wich erst einer leichten Verunsicherung, dann mühsam unterdrücktem Ärger. Wusste sie nicht, daß ich der moderne, weibliche und daher umso heiligere Georg war, der jegliche Jungfrau vor bösen Drachen bewahrte? Wusste sie nicht, daß mein reines, unbescholtenes Herz jeder hilflosen Kreatur in hohem Bogen zuflog, um klatschend vor ihren Füßen zu landen?

Ernüchtert, und darob recht lakonisch, gab ich mir die Antwort selbst: Sie wusste es nicht. Woher
auch. Ich hatte mich nie um mein eigenes inneres Kind gekümmert. Ich kannte es nicht einmal. Folglich fiel sie mir auch nicht schluchzend vor Erleichterung um den Hals, sondern setzte
mich der Lächerlichkeit vor einem Pulk nicht vorhandener Zuschauer aus. Diese fragten sich in
diesem Moment, was diese elegante Frau und das kleine Lumpenmädchen damit bezwecken
mochten, minutenlang im Schnee zu sitzen und sich wortlos anzuglotzen. Während das Kind sich
keine Mühe machte, seinen unverhohlenen Hass zu verbergen, verselbständigte sich die Mimik der erwachsenen Frau und vollzog jede denkbare Verrenkung, die menschliche Gesichtsmuskeln
zulassen.

Da ich keine Ahnung hatte, was ich dem kleinen Mädchen hätte sagen können, erklärte ich in
Gedanken meinen imaginierten Zuschauern, daß ich für die Hauptrolle der Neuinszenierung von
"Hamlets Tante" von Shaking Bier übte. Ein mehrmals beinahe berühmt gewordener Regisseur in LA hatte mir erzählt, daß gute Schauspielschulen von ihren Schülern verlangen, daß sie sich
mehrmals täglich blamierten, um ein stärkeres Selbstbewusstsein zu erlangen. Offensichtlich hatte ich für diesen Tag mein Pensum erreicht, denn mein Selbstbewußtsein hatte mich wieder und ich setzte mich, ohne viel Aufhebens, wortlos neben sie. Jetzt war sie an der Reihe. Und sie reagierte tatsächlich.

"Haste mal 'ne Fluppe für mich?" piepste sie.

Nein, ich war nicht schockiert! In Gedanken hatte ich diese Situation schon tausendmal geübt, falls mich meine Kinder eines Tages mit dem Ernstfall konfrontieren würden. Lässig, ohne jegliche Gefühlsäußerung, griff ich in die Manteltasche, bot ihr meine Zigaretten an, nahm mir selbst eine und gab zuerst ihr, dann mir Feuer - ganz nach Drehbuch.
Es schien nicht zu schlecht zu sein, das Drehbuch, denn wenigstens sah sie mich jetzt neugierig an. Aber sie spielte ihren Part nicht so, wie ich es mir ausgemalt hatte. Es folgte kein Hustenanfall, kein angewidertes Verziehen des Gesichtes. Auch, wenn ihre klammen Finger die Zigarette etwas ungeschickt hielten, sie inhalierte wie eine Erwachsene und hatte es offensichtlich schon etliche Male vorher getan. Sie war höchstens sechs Jahre alt. Die Fortsetzung meines Drehbuches, das mit einem mütterlichen: "na, wollen wir nicht lieber Eis essen gehen" hätte enden sollen, fiel ins Wasser, versank und ward nie wieder gesehen. Stattdessen fiel mir plötzlich auf, daß meine Zigarette in der kalten Winterluft
widerlich schmeckte. Ehe ich mich versah, hatte mein Mund meine Gedanken formuliert.

"Eigentlich wär mir ein Bratapfel jetzt lieber, wie schaut's mit Dir aus?" fragte ich. "Was muss ich dafür machen?"

"Baden!"

Pause

"Dann muss auch noch Fernsehen drin sein!"

Sie war ein Kind von der Straße. Ich hatte viele Menschen von der Straße gekannt. Sie hatten mich immer unwiderstehlich angezogen, um mich dann in gehörige Schwierigkeiten zu bringen. Alle hatten das Handeln von klein auf lernen müssen, um zu überleben. Mir war das Handeln zuwider. Es war mir zuwider, Forderungen zu stellen und vertraglich zu fixieren, geschweige denn auf ihre Einhaltung zu bestehen. Das hatte mich vermutlich daran gehindert, im kaufmännischen Bereich Karriere zu machen. Und jetzt zeigte mir ein sechsjähriges Mädchen ungerührt, wie man das macht.

Ohne groß darüber nachzudenken, daß ich erst den Speicher würde stöbern müssen, um meinen
alten Fernseher wieder zu finden, stimmte ich zu. Etwas mühsam rappelte sie sich auf, und entsetzt stellte ich fest, daß sie barfuss war. Ihre Füße waren blau-schwarz verfärbt. Scheinbar schmerzten sie sie nicht mehr, aber ihr Gang war etwas unsicher.

"Soll ich Dich tragen?" fragte ich sie.

"Anfassen war nicht abgemacht!"

Sie wagte es, zu keifen!
"Jetzt hör mir mal zu! Du bist zu klein und zu schlecht angezogen, um Dich um diese Zeit
im Schnee auf der Straße herumzutreiben. Du wirst jetzt mit mir nachhause kommen, warm baden, dich von mir anziehen lassen und etwas Vernünftiges essen. Du tust jetzt, was ich dir sage!"

Meine Stimme hatte strenger geklungen, als geplant. Aber dieses kleine Ding provozierte mich.

"Bist wohl eine von den weltverbesserischen, gouvernantenhaften Trullas, was?"

"Mir ist zu kalt, um hier und jetzt meine Weltanschauung mit dir zu diskutieren. Wenn du dich so kindisch benimmst, ist mir durchaus nach Gouvernantenhaftsein zumute. Und jetzt ziehst du wenigstens meine Handschuhe über die Füße und hörst auf, mir einen Knopf an die Backe zu schwätzen."

"Wer schwafelt denn hier von Weltanschauung, und so?"

Sie war widerspenstig und sie hatte recht. Eine unerträgliche Mischung. Wütend warf ich ihr meine Handschuhe vor die Füße, drehte mich um, und stapfte davon. Nach einer Weile holte mich jedoch mein Verstand schnaufend vor Anstrengung wieder ein und ich warf ihr einen Blick über meine Schulter zurück. Das kleine Lumpenmädchen hatte meine Handschuhe an den Füßen und wackelte mühsam hinter mir her. Es fiel ihr schwer, Schritt zu halten, und zum ersten Mal entdeckte ich sowas wie Verzweiflung in ihrem kleinen Kindergesicht. Erschrocken erkannte ich, daß ich gerade im Begriff gewesen war, einem kleinen, hungrigen Mädchen die Hoffnung auf einen Bratapfel zu nehmen, indem ich vor ihr davon lief. Was immer sie dazu gebracht hatte, sich so zu benehmen, sie war ein kleines Kind. Ich hielt ihr meine Hand entgegen, aber ihr misstrauischer Blick ließ sie mich zurückweichen.

In diesem Moment wurde mir klar, daß ich hier eine Aufgabe zu bewältigen hatte, gegen die der
Drachenkampf des heiligen Georg wie ein unschuldiges Völkerballspiel anmutete. Mir fiel eine
bedauernswerte Blindschleiche ein, die seinerzeit in meinem Schuhkarton darben mußte, nachdem ich ihr versehentlich den Schwanz abgerissen und sie daraufhin nach Hause geschleppte hatte, um sie gesund zu pflegen. Da ich keinen Dunst hatte, was eine Blindschleiche frißt, ich jedoch in einem Naturfilm beobachtet hatte, wie eine Boa Konstriktor eine lebende Maus hinunterwürgte, mußte meine Blindschleiche hungern. Mein Mitleid mit der Maus hatte mein Verständnis für den Hunger der Schlange ausradiert. Als mein Vater mich dann darüber aufklärte, daß eine Schlange ihren Schwanz abwerfen kann, um so ihren Feinden zu entgehen und damit keinesfalls verletzt sei, setzte ich sie, mit einem unglaublichen Gefühl der Erleichterung, an einem Bach aus. Zum ersten mal hatte ich begriffen, daß mein Gerechtigkeitsgefühl in der freien Natur fehl am Platze war und nur Schaden anrichtete. Als ich der Blindschleiche nachsah, die eiligst davonschlängelte, als müsse sie vor mir flüchten, machte ich zum ersten mal Bekanntschaft mit dem Gefühl, lebensuntauglich und damit ein Schädling zu sein.

Und jetzt schleppte ich ein kleines Mädchen nach Hause, das zwar ein Seelenanteil von mir selbst, aber mir ebenso fremd war, wie ein grünhäutiger Außerirdischer mit Antennen auf dem Kopf.

Ob Außerirdische Bratäpfel mochten?

Wie würde meine Familie reagieren, wenn ich mit diesem Wesen zuhause einlief?
Ich blieb stehen und lehnte mich an den schneebemützten Zaunpfahl, den ich zuvor bemitleidet hatte, und bat ihn um Rückhalt, bis das kleine Mädchen mich erreichte.

"Du, was machst Du, wenn Du nicht so recht weißt, wie es weitergeht?"

fragte ich sie. Ein erstaunter Blick aus ihren klaren Augen traf mich.

"Wie?"

"Was, wie?"

Wir verstanden uns wirklich nicht richtig. Aber während ich nach Worten suchte, schüttelte sie nur den Kopf und fuhr wie selbstverständlich fort:

"Du hast gesagt, wenn ich bade, krieg ich einen Bratapfel. Also bade ich und dann kriege ich
einen Bratapfel. So geht's doch jetzt weiter, oder? Erst baden, dann Bratapfel!"

"Ja sicher, aber...."

Jetzt wurde sie wütend.

"Was, aber...? Erst baden, dann Bratapfel, hast du gesagt, oder gilt das jetzt
nicht mehr?"

"Doch, doch, aber was machen wir dann?"

"Verdauen!"

Angesichts dieser zwingenden Logik fehlten mir die Worte. Also stapften wir meiner hübschen
Behausung entgegen, um zu baden, Bratäpfel zu essen und anschließend zu verdauen…..

Fröhliche Weihnachten


Ingwertee
(Eignet sich besonders, wenn man kalte Füße hat und durchgefroren ist.)

Ein ca 5 cm langes Stück Ingwer bei niedriger Temperatur in 1 l Wasser ziehen lassen. (Ca 10-20 Minuten) Danach mit Zitronen – oder Orangensaft und Honig verfeinern. Nach Geschmack eine Prise Zimt hinzufügen.