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Sibylle Schäfer

Briefe an Sebastian


28.10.
Lieber Sebastian,

ich bin so enttäuscht. Ich kann’s Dir gar nicht sagen. Es war die zurückgewiesene Hand, die hatte am meisten geschmerzt. Gestern morgen kurz vor Deiner Abreise hatte Dir unser kleiner Sohn die Hand hingehalten. Ein offener, kindlicher Vertrauensbeweis. Er wollte mit Dir spazieren gehen. Doch Du hast seine Hand abgeschüttelt wie lästige Fliegen. Warst Du nach einer durchzechten Nacht nicht mehr dazu in Stimmung? Früher wäre Dir das nicht passiert. Aber eine halbe Flasche Whiskey, fünf Flaschen Bier und unzählige Jägermeister waren Zeugen Deiner Maßlosigkeit. Ich wusste, dass man sich den Verstand versaufen kann, aber ich wusste nicht, dass es so schnell geht. Du findest, das klingt zu heftig? Mag sein. Noch entsetzlicher finde ich allerdings, wie Du Dich in den letzten Jahren verändert hast. An den Weihnachtsfeiertagen vor sechs Jahren haben wir es zum ersten Mal gemerkt. Du hast nach dem Auflegen Deiner Schallplatten plötzlich gleichgültig gegen Deine Plattensammlung getreten. "Das gefällt mir nicht", hatte Kilian damals gesagt. "Du beginnst schon Deine geliebten Platten unachtsam zu behandeln. Das ist der Anfang von Verrohung." Und da Kilian nicht nur mein Mann, sondern auch Dein bester Freund ist, wussten wir beide, dass er nicht übertreibt. Möchtest Du das wirklich, frage ich mich. Kann ein Mensch so etwas wirklich wollen? Ich fühle mich müde und schreibe Dir morgen weiter.

Dorothea


29.10.
Lieber Sebastian,

ich kann es überlegen wie ich will. Meine Gedanken an Deinen letzten Besuch sind noch genauso rastlos suchend wie gestern. Wonach sie suchen? Nach dem Sebastian, den ich schätze. Der spritzig war, intelligent, mit haarscharfen Argumenten. Der jeden Selbstbetrug bis in den hintersten Winkel zielsicher ausgeleuchtet hat. Und nun? Jetzt betrügst Du Dich selbst am besten. Und quälst Dich mit Vorfällen, die Du Dir ohne Deinen Gott Alkohol erspart hättest. Wieso musste es soweit kommen? Gib’ es zu, die Geschichte mit Deinem Vater beschäftigt Dich am meisten. Wie konntest Du auch Deinen Vater vor sämtlichen Freunden spätabends völlig betrunken beleidigen. Ausgerechnet Deinen Vater, den Du über alles liebst. Und dann kam, was kommen musste. Dein Vater erlitt zwei Wochen später einen Schlaganfall. Gott sei Dank nicht tödlich, aber ein Warnschuss. Was wäre gewesen, wenn Dein Vater so gestorben wäre? Einfach so. Unerwartet. Ohne Versöhnung. Dieser Gedanke treibt Dir nicht nur den Angstschweiß ins Gesicht, sondern auch gleich wieder den Alkohol in die Kehle. Die halbe Nacht hast Du Kilian wegen dieser Geschichte vorgeheult. Sie scheint Dich Tag und Nacht zu besetzen, Deine Gedanken in Fetzen ohne Sinn zu zerreißen. Denn auch sonst sind Deine Erzählungen atemberaubend. Aber nicht, weil sie so spannend, sondern so wirr sind. Du weißt schon oft nicht mehr, welchen Film Du schon mal gesehen hast, da musst Du Deine Frau fragen. Ist Dir schon einmal aufgefallen, dass Deine Argumentationen oft nicht mehr durchgängig zu Ende gebracht werden? Du hast den Selbstbetrug bis an die Spitze getrieben. Du zerstörst Dich selbst bis zur Unkenntlichkeit. Hältst Du das für übertrieben? Mir kommt’s manchmal so vor. Schluss, aus!

Dorothea


10.11.
Lieber Sebastian,

ja, ich bin’s noch mal. Du wolltest gestern am Telefon endlich wissen, ob wir an den Weihnachtsfeiertagen dieses Jahr wieder mal kommen. Warum? Und wohin? Zu dir? Du bist doch gar nicht da. Den Freund, den ich kannte, sehe ich nicht mehr. Ich sehe Dich, ich höre Dich, und trotzdem bist du fort. Es ist ein anderer, der mit uns spricht. Und ich habe Angst, dass der andere bleibt. Waren das die Besäufnisse alle wert? Die Hülle bleibt, doch der Geist schwindet aus der Flasche. Man könnte meinen, Du hättest ja auch richtig Glück, dass Gesellschaftstrinken allgemein anerkannt ist. Gerne machen Deine Freunde mit, auch wenn hinterher erzählt wird, der Sebastian ist der, der beim Schützenfest völlig betrunken war. Hast Du schon einmal darüber nachgedacht, wie sich Dein zehnjähriger Sohn fühlen muss, wenn Du nachmittags vor lauter Alkohol förmlich unter dem Tisch liegst? Nein. Du schreibst auch nichts mehr, hast du erzählt. Stattdessen sind andere Freizeitaktivitäten angesagt, solche, bei denen man am Wochenende bereits mittags tief ins Glas schauen kann. Und jetzt steht auch noch Weihnachten vor der Tür. Wir haben lange gegrübelt, was wir dieses Weihnachten machen sollen. Nun wird Weihnachten ja auch immer gerne als Fest der Liebe bezeichnet. Die Wörter "Lieben" und "Leben" liegen gar nicht so weit auseinander. Du möchtest, dass wir Dich weiterhin so lieben, wie Du bist. Aber willst Du wirklich auch so leben? Wäre es nicht an der Zeit, die allerletzte Notbremse zu ziehen? Bevor Dein Hirn mit vierzig zum neunzigjährigen vergreist ist? Bevor Dein Charakter völlig verändert ist und sich Deine Umwelt nicht mehr zwischen Mitleid und Verachtung für Dich entscheiden kann? Bevor Du alle so beleidigt hast, dass Du völlig alleine stehst? Bevor Du in einer Spirale bist, aus der es kein Entkommen mehr gibt und die Chance auf Versöhnung endgültig vertan ist? Nun denn, Weihnachten soll die Zeit der offenen Herberge sein, die Zeit der Versöhnlichkeit. Da schon ein altes Sprichwort sagt, dass die Hoffnung zuletzt stirbt, treten wir auch dieses Jahr nochmals die Reise zu Euch an und ich sage Dir hiermit zu. Aber denk daran, auch Weihnachten geht vorbei. Und dann?

Dorothea


Alkoholfreier Punsch:

1 l roter Traubensaft
1 Stückchen Zimt
2 Nelken
Saft von einer Zitrone
Honig nach Geschmack

Den Traubensaft mit den anderen Zutaten erhitzen, ohne kochen zu lassen. Warm servieren.