Sandra Säckl Das perfekte Fest "Ich hasse Weihnachten! Das ganze dämliche Getue, von wegen Hilfsbereitschaft, Familie und so weiter…Überall herrscht Krieg, überall gibt es Terror und andere Katastrophen. Da kann ich nicht friedlich das Fest der Liebe und der Familie feiern. Außerdem dient Weihnachten ja nur dem Massenkonsum. Kaufen, kaufen, kaufen, … Die Leute denken, je mehr Geld sie für Geschenke ausgeben, umso schöner wird das Fest. Weihnachten beginnt für die Geschäfte bereits Mitte Oktober oder was weiß ich wann… - Nein, ich will dieses Jahr nicht! Das kannst du unserer Schwester ruhig sagen!" Mit diesen Worten machte Kara einen Abgang in ihr Zimmer und warf die Türe zu. Martin wusste zuerst nicht, ob er ihr hinterherlaufen sollte, oder nicht. Schließlich zündete er sich eine Zigarette an und stellte sich an das Fenster, um das bunte Treiben auf der Straße zu betrachten. Es hatte zu Schneien begonnen. Kleine Flocken fielen vom Himmel. Die Straßen färbten sich weiß. Dann schnappte er sich das Telefon, setzt sich auf die Couch, zündete sich eine weitere Zigarette an und nahm einen großen Schluck Whiskey aus dem eiskalten Glas. Er wählte die Nummer seiner Schwester Mary und wartete, bis am anderen Ende der Leitung endlich jemand abhob. "Williams", meldete Mary sich am anderen Ende mit sanfter Stimme. Während des Telefonats fuhr Martins Magen Achterbahn. Er fürchtete, dass er sich bald übergeben müsse. Schließlich sagte er Mary kurz und bündig, dass Kara nicht zum Weihnachtsfest erscheinen würde. Als sie sich verabschiedet hatten, saß Mary noch einen Moment ruhig da. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie hielt noch den Hörer in der Hand und wusste einen Augenblick lang nicht, was sie tun sollte. Ihr Mann Luke würde wohl nicht viel dazu sagen. Ihm war es nicht so wichtig, wenn jemand aus der Familie an Weihnachten fehlte. Martin klopfte an Karas Tür und wartete. "Komm rein", rief sie. Sachte öffnete er die Tür und machte ein paar Schritte in das Zimmer. Kara lag zusammengekauert auf dem Bett uns las in einem Maeve Binchy Roman. Das war schon der Zweite, den sie in dieser Woche verschlang. "Na, hast du es ihr gesagt?", fragte Kara. Dabei blickte sie von ihrem Buch nur kurz auf, und nahm Martins nicken wahr. "Willst du es dir nicht doch noch einmal überlegen?" fragte er Kara. "Mh mal sehen. Ich denke nicht!" Damit war für Kara das Gespräch beendet und sie ließ sich nicht weiter stören und vertiefte sich wieder in ihr Buch. Mary war Hausfrau. Sie hatte jung geheiratet und bald 2 Kinder in kurzen Abständen bekommen: Kathy und Paul. Beide Kinder gingen mittlerweile in die Schule. So hatte Mary den ganzen Vormittag lang Zeit, um den Haushalt zu machen. Da Weihnachten nahte, fuhr sie beinahe täglich in das Wochenendhaus der Familie. Es war nicht weit weg. Vielleicht ein halbes Stündchen, wenn man gemütlich fuhr. Seit Jahren war es Tradition, dass die Familie dort Weihnachten und Neujahr feierte. Es war ein gemütliches kleines Landhaus, unten die kleine Küche, das große kombinierte Wohn- und Esszimmer, ein Bad, oben waren die Schlaf- und Gästezimmer und ebenfalls ein Bad. So gesehen, war es gar nicht so klein, aber verglichen mit ihrem Haus in der Stadt, war es winzig. Im Sommer konnte man herrlich auf der Terrasse sitzen. Man konnte bis spät in die Nacht feiern und laut sein. Die nächsten Nachbarn wohnten einige Kilometer entfernt. Mary hatte soeben Paul und Kathy in der Schule abgeliefert und war schon auf dem Weg in das Landhaus. Im Wagen hatte sie jede Menge Kartons verstaut, die randvoll mit Weihnachtsdekoration gefüllt waren. Die letzten Wochen hatte Mary das Landhaus durchgeputzt. Deswegen war sie heute besonders gut gelaunt. Sie freute sich schon auf das Dekorieren des Hauses. Es dauerte nicht mehr lange und schon war Mary die Auffahrt raufgefahren. Als erstes öffnete Mary die Balken und Fenster, um frische Luft in das Haus zu lassen. Jetzt im Winter waren sie nicht oft im Haus. Da roch es schon mal etwas modrig, wenn man länger nicht dort war. Um nicht zu frieren, machte Mary den Kamin an. Sofort zog sich eine wohlige Wärme durch die Räume. Mary brühte noch Kaffee auf und schon konnte sie mit der Arbeit beginnen. Sie schleppte die Kisten ins Haus, öffnete jede Kiste und betrachtete den Inhalt. Sie begann mit dem Wohnzimmer und hängte Girlanden und Tannenzweige auf, besprühte die Fenster mit Schneespray, stellte Kerzen auf, hängte Zimtstangen an die Wände, befestigte Mistelzweige über den beiden Türen und gab duftendes Potpourri in die große Schüssel, die im Eck stand. Es duftete herrlich nach Zimt und Nelken. Als sie fertig war, begann es bereits dunkel zu werden. Wie gut, dass die Kinder heute bei Miss Manson waren, der freundlichen jungen Nachbarin. Mary genoss die Zeit, die sie alleine im Haus verbringen konnte. Hier konnte sie entspannen und in Ruhe über all ihre Sorgen und Probleme nachdenken. Die ganze Woche verbrachte sie mit dem Dekorieren der restlichen Zimmer. Als ihr Werk vollbracht war, war Mary mächtig stolz auf sich selbst und konnte es kaum erwarten, die staunenden Gesichter ihrer Familie zu sehen, wenn diese das Haus betreten würden. Weihnachten nahte, das konnte man ganz deutlich spüren. Auch Kara spürte es. Es war Heilig Abend und Martin war bereits auf dem Weg zu Mary. Kara hatte es geschafft: Sie würde Weihnachten ganz alleine verbringen. Sie erwartete Martin nicht vor morgen Abend wieder. Kara versuchte, jeden Gedanken um das große Fest zu verdrängen. Sie wollte dieses Jahr ihre Ruhe. Deswegen ging Kara sogar an diesem Tag zur Arbeit. Das Büro hatte allerdings nur bis Mittag offen. Viel war nicht los. Kara langweilte sich und beschloss, nach Hause zu gehen und am Weg etwas beim Chinesen mitzunehmen. Kara schlenderte durch die Straßen. Die Läden waren prachtvoll geschmückt. Geschenke sollte es dieses Jahr keine geben. "Aber es kann nie schaden, sich in den Läden umzusehen", dachte Kara. Sie liebte das Bummeln durch die Kaufhäuser einfach zu sehr und konnte nicht widerstehen. Die Weihnachtsdekorationen versuchte sie zu übersehen und die Lieder zu überhören. Sie fand fast sofort einige Geschenke für ihre Familie und für sich selbst natürlich auch. Kara dachte nicht lange nach und kaufte alles, was ihr gefiel. Schließlich hatte sie erst kürzlich das Weihnachtsgeld auf das Konto überwiesen bekommen. "Die Geschenke bringe ich ihnen dann einfach unter dem Jahr. Wieso auch nicht?", dachte sie sich. Ein kleines Lächeln zog sich über ihr Gesicht. Martin war gut bei Mary und Luke angekommen. Es gab kaum Verkehr auf den Straßen. Bis zu dem Zeitpunkt, als Mary Martin die Tür öffnete, konnte sie es noch nicht richtig glauben, dass Kara dieses Jahr einfach nicht dabei sein würde. Mary umarmte Martin und zog ihn in das Haus. "Wie war die Fahrt, erzähl. Was tut sich Neues in deinem Leben? Sag, hast du wieder eine Freundin? Du riechst anders", stellte Mary fest. Martin war auf den Wortschwall seiner Schwester vorbereitet und lächelte. Er war der erste Gast. Die Kinder waren draußen und spielten verstecken. Luke verpackte noch die letzten Geschenke oben im Schlafzimmer. Sie hatten also genügend Zeit, sich in Ruhe zu unterhalten. Etwas später klopfte es wieder an der Tür und die nächsten Gäste trudelten ein. Die Stimmung stieg. Es wurde Eierpunsch getrunken, die Kinder schmückten den Baum. Mary kümmerte sich um das Abendessen. Als Kara wieder auf die Straße kam, erfasste sie der Duft von Lebkuchen, Zimt und Nelken. Sie schloss die Augen und sog die Düfte wahrlich in sich auf. Sie wollte zwar Weihnachten nicht feiern, aber wieso sollte sie deswegen auf die herrlichen Düfte von Zimt und Co verzichten? Auf der anderen Straßenseite sah sie einen Stand mit Lebkuchen und Punsch. Sie beschloss, sich ein Stück Lebkuchen zu gönnen. "Lebkuchen hat nicht unbedingt etwas mit Weihnachten zu tun", sagte sie leise zu sich. "Wie bitte?" Kara sah, dass neben ihr ein junger Mann stand und sie anlächelte. "Ach, ich habe mit mir selbst gesprochen", sagte sie. Plötzlich wurde ihr warm. "Wie sich das anhört: Ich führe Selbstgespräche. - Pfff… Als wär ich schizophren…", dachte Kara. Der junge Mann lächelte sie an und schaute ihr tief in die Augen. "So, so Selbstgespräche also. Darf ich erfahren, wieso so eine bezaubernde junge Frau mit sich selbst spricht? Sie haben doch sicher einen Mann oder eine Familie, mit denen sie reden können, oder?", sagte der Mann. Kara wusste zuerst nicht, was sie von dem Mann halten sollte. Schließlich sagte sie einfach: "Wissen Sie, meine Familie feiert Weihnachten auf dem Land. Ich bin zu Hause geblieben. Ich hatte heuer keine Lust auf eine Feier und so… Ich war gerade so in Gedanken und da muss ich wohl laut gedacht haben. Wenn Sie mich bitte entschuldigen, ich muss weiter." Sie schaute auf die Straße, schaute nach links und nach rechts und überquerte sie. Der Duft des Lebkuchens wurde immer intensiver und Karas Schritte wurden immer schneller. Sie konnte es kaum erwarten, endlich in ein Stück Lebkuchen zu beißen. Ihr lief bereits das Wasser im Mund zusammen. "Ein Lebkuchenherz bitte", sagte sie zu dem älteren Verkäufer. "Für mich auch bitte!", hörte Kara neben sich eine Stimme. Sie blickt sich um und sah den jungen Mann von vorhin wieder neben sich stehen. "Darf ich Sie auf einen Punsch einladen?" sagte er zu Kara. Kara mochte es eigentlich nicht, wenn fremde Leute sie einladen wollten, aber aus irgendeinem Grund sagte sie zu. Genüsslich schlürften sie den Punsch und Kara beschloss, den Mann auszuquetschen. "Was machen Sie eigentlich alleine hier? Sollten Sie nicht zu Hause bei ihrer Familie sitzen und fröhlich feiern?" fragte sie ihn fordernd. Er erzählte ihr, dass seine Eltern eine Kreuzfahrt machen und er Einzelkind sei. "Und ihre Freundin?" fragte Kara. Irgendwie weckte der Typ ihr Interesse. "Oh, ich habe keine… Irgendwie habe ich nie die richtige gefunden. Tja und so muss ich Weihnachten alleine verbringen. Irgendwie schade. Ich hatte mich richtiggehend auf das Fest gefreut. Ich mag es, wenn die Familie zusammensitzt und plaudert. Geschenke werden ausgetauscht und es herrscht einfach eine friedliche Stimmung. Das gibt es im Jahr nicht zweimal. Weihnachten ist für mich etwas ganz besonderes. Leider sahen das meine Eltern diesmal anders…" Kara dachte nach. Irgendwie hatte dieser Typ Recht. Er hatte nicht nur ihr Interesse geweckt, sondern ihr auch klar gemacht, wie sehr sie doch Weihnachten liebte. Es war wirklich etwas Besonderes. "Hab ich etwas Falsches gesagt? Sie sehen so nachdenklich aus", sagte der Mann zu ihr. "Oh, oh nein! Ich äh, ich… Also wissen Sie, Sie haben Recht, Weihnachten ist etwas Besonderes. Ich habe das alles irgendwie nicht wahrhaben wollen und verdrängt", sagte Kara zu ihm. Und dann kam ihr eine verrückte Idee: "Wieso fahren Sie und ich nicht einfach zu meiner Schwester aufs Land. Es ist dort zauberhaft. Es gibt reichlich zu essen, nette Leute zum unterhalten und es herrscht einfach eine gute Stimmung. Ihre Familie ist nicht da, kommen Sie doch mit! Es würden sich bestimmt alle freuen." Der Mann sah erstaunt aus und sagte leise: "Wissen Sie, es freut mich ja, dass ich Sie umgestimmt habe, aber ich kann doch nicht einfach mitkommen. Sie kennen mich ja gar nicht. Und wenn ich nun ein Massenmörder wäre, …" - Kara fiel ihm ins Wort: "Ach, Blödsinn! Ich habe bei Ihnen ein gutes Gefühl! Bitte sagen Sie ja!" "Also gut. Wissen Sie, sie haben irgendwas Besonderes an sich. Ich würde gerne mitkommen, wenn es Ihrer Schwester nichts ausmacht. Übrigens, mein Name ist Bob." "Kara." Sie streckte ihm ihre Hand entgegen. Eine halbe Stunde später waren sie bereits auf dem Weg zu Mary und Luke. Der Baum war fertig geschmückt, die Kinder bereits unruhig. Mary beeilte sich mit dem Essen, sonst würden die Kinder noch vor Aufregung sterben, wenn sie keine Beschäftigung hätten. "Schatz, wie lange noch?", fragte Luke. "Noch ein Weilchen, aber ich beeile mich. Der Truthahn ist gleich fertig", antwortete Mary. Mrs. White, eine Nachbarin, setzte sich in den großen Schaukelstuhl und rief die Kinder zu sich. Sie begann, Weihnachtsgeschichten zu erzählen. Mary war fertig, als es plötzlich an der Tür klopfte. Luke öffnete und staunte nicht schlecht. Da stand Kara mit einem fremden Mann. Er ließ die beiden herein. "Maryyyyyyyy komm her!", rief er. Mary kam aus der Küche und dachte, sie träume! Sie lief zu Kara und umarmte sie stürmisch. "Aber was machst du denn hier? Wer ist der charmante junge Mann?", fragte sie Kara. Kara erklärte allen die Geschichte und Bob wurde willkommen geheißen. Mary holte noch zwei weitere Gedecke und bat alle, sich an den Tisch zu setzen. Das Festmahl konnte beginnen. Es war wirklich ein Traum! Nach dem Essen gab es Bescherung. Kara trug ihre Einkauftaschen herein. Wie gut, dass sie doch noch ein paar Besorgungen gemacht hatte. "Liebling, es ist wie immer alles perfekt", sagte Luke zu Mary. Mary war zufrieden. Alle waren glücklich und Mary wünschte sich, dass dieser schöne Augenblick länger dauern würde. Es war schon spät, als auch das letzte Licht im Hause Williams ausging. Bob schlief auf der Couch, alle Schlafzimmer oben waren besetzt. Und so schlummerte die ganze Bande fröhlich bis in die späten Morgenstunden. Luke war der Erste, der es bemerkte, als er die Balken öffnete. "Wow,…. Schatz, sieh die das an!", sagte er zu Mary. Mary schlüpfte in ihren Morgenmantel und zog die Pantoffeln über. Eingeschneit! Über Nacht musste es wie wild geschneit haben, denn der Schnee lag mindestens einen Meter hoch auf der Erde. Die Autos waren bereits fast nicht mehr zu sehen. Mary sagte nichts, sie wusste nur, dass sich ihr Wunsch erfüllt hatte: Sie hatte die ganze Bande länger als nur einen Tag! Hier kam an diesem Tag niemand weg. Glücklich machte sie sich auf den Weg in die Küche und setzte Kaffee auf. Lebkuchen Zutaten für 10 Portionen: 2 EL Pflanzenmargarine 90g Staubzucker 2 EL Honig 1 Ei 250 g Mehl 1/2 Sackerl Backpulver je 1/2 TL Nelken und Zimtpulver Anis Lebkuchengewürz 1/8 l Milch Margarine, Staubzucker, Honig und Ei gut verrühren. Mehl mit Backpulver, Nelken und Zimtpulver, Anis und Lebkuchengewürz vermischen. Abwechselnd die Milch mit dem Mehl unter die Teigmasse mengen. Den Teig ausrollen und ausstechen. Großzügig am Blech verteilen, da Lebkuchen beim Backen ein wenig auseinander läuft. Bei 190°C 15 min backen. |
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