Sandra Säckl Bei Sonnenuntergang backen Engel Kekse "Ist es also wieder einmal soweit", denke ich. "Wir haben schon wieder Weichnachten". Ein leises Grummeln flüchtet aus meinem Mund. "Ist etwas Schatz?", ruft mein Mann fragend aus dem Nebenzimmer. "Nein, nein, alles bestens. Ich bekomme nur meine Kette nicht zu." - Tatsächlich hatte ich Schwierigkeiten, den Verschluss zu schließen. Da kommt auch schon mein Liebster her gerannt und hilft mir. Endlich bin ich fertig für das große Ereignis. Mein bodenlanger weinroter Samtrock schmeichelt meiner doch eher breiten Hüfte sehr. Dazu trage ich eine schwarze Bluse mit kleinen Glitzersteinen. Diese Kombination macht meine Figur doch fast perfekt, muss ich zugeben, als ich mich für einige Minuten im Spiegel betrachte. Meine kleinen Speckröllchen sind fast nicht zu bemerken. Ein kleines Lächeln huscht über mein Gesicht. "Na, freust du dich schon?", fragt mein Mann. "Was? - Oh, oh ja natürlich. Ich kann es kaum erwarten", stammle ich dahin. "Prima, dann hol ich den Kleinen und wir fahren los". In Wahrheit freue ich mich natürlich nicht, aber das kann ich nicht einfach so sagen. Ich möchte meinem Mann eine Freude machen und mit ihm und der ganzen Familie Weihnachten feiern. So wie jedes Jahr. Schließlich bedeutet es ihm viel. "Man muss in einer Ehe auch Opfer bringen!", denke ich mir. "So schlimm wird’s wohl nicht werden…" 10 Minuten später sind wir bereits auf dem Weg zu meiner Mutter, als mir einfällt, dass wir das große Geschenk für die Eltern meines Mannes zu Hause vergessen haben. Also holen wir meine Mutter ab, die bereits vor dem Haus steht und fahren nochmals zu uns, um das Geschenk zu holen. Mein Mann springt aus dem Auto und verschwindet im Haus, um nach 2 Minuten wieder aufzutauchen, ohne Geschenk natürlich. "Ich kann es nicht finden, wo ist es denn?" Mit einem Seufzer steig ich aus dem Auto und lauf in das Haus. Wie zwei verrückte Hühner suchen wir nach dem Geschenk. Nach langem Suchen fällt mir ein: Es liegt bestimmt noch auf dem Dachboden, da wo wir alle Geschenke immer verstecken. Also klettere ich die schmalen Stufen hinauf und hole das Päckchen. Beim Hinuntergehen bleibe ich an einem rostigen Nagel hängen, der aus der Treppe hervorlugt. Die Treppe ist schon sehr alt, wie das ganze Haus eben. Mit etwas Ziehen gelingt es mir, mich wieder zu befreien. Endlich können wir fahren. Beim Einsteigen in das Auto sehe ich, dass mein schöner Rock völlig mit Staubfussel beschmutzt ist. "Na toll!", denke ich mir. "Das auch noch." Auf der Fahrt zur Großmutter versuche ich, mich von den Fusseln zu befreien. Nebenbei erzählt mir meine Mutter, dass unser Handy mehrmals geklingelt hat, aber sie natürlich nicht abgehoben hat, da sie ohne Brille nichts lesen kann. Gut, ich krame das Handy aus der Tasche heraus. Natürlich fallen auch einige Windeln und Schnuller raus, so voll gestopft ist sie. Während ich die Nummer wähle, versuche ich, das ganze Zeug wieder in die Tasche zu stopfen. Was man nicht so alles für einen Tagesausflug mit Baby braucht… Ich staune immer wieder. Oma geht nicht ran. "Gut", denke ich, "sie wird wahrscheinlich schon vor dem Heim warten". Kaum lege ich auf, läutet das Handy. Auf dem Display steht groß: "Schwiegertiger". Ich hebe also ab und kann mir das Geschrei anhören. Wo wir sind, dass Oma warte, ob was passiert sei, wieso wir uns nicht melden, die Oma sei schon ganz krank vor Sorge, … Ich schrei nur rein: "Ja, wir sind bald bei euch, ich muss aufhören, wir sind gleich bei Oma. Tschau!". Dann lege ich auf. Wir sind tatsächlich schon bei Oma angekommen, aber von ihr fehlt weit und breit jede Spur. "Du oder ich?", fragt mein Mann. Ich hole 2 Streichhölzer hervor, die ich vorsorglich in meine Jacke gegeben hatte. 1 kurzes, 1 langes. "Yeeeeeeeeees, gewonnen!", schreie ich. Gut, er muss also hinauf. Ich schreie ihm noch hinterher: "Und beeile dich, deine Eltern warten schon!" Er dreht sich aber nicht mehr um, sondern verschwindet hinter den Wänden des Heimes. "Hallo, wo ist denn mein Schatz??? Schläft er?", fragt mich Oma, als ich ausgestiegen bin, um sie zu begrüßen. Übrigens stellt sie diese Fragen, seit unser Sohn auf der Welt ist. Also etwa 8 Monate lang. Ich kann sie auswendig. Die Fahrt in das kleine Städtchen, wo die Schwiegereltern wohnen ist nicht lang. Die Autobahn ist frei und so kommen wir für mein Empfinden viel zu schnell voran. Am liebsten wäre ich zu Hause geblieben. Hätte mich verkrochen. Dick eingemummt in eine Decke, vor dem TV liegend und Kekse mampfend. Am liebsten Kakaotaler. Von denen kann ich nicht genug kriegen. Aber nicht heute, heute muss ich ja gut gelaunt bei den Schwiegereltern antanzen. Das gehört sich eben so. Schon nach kurzer Zeit sind wir angekommen. Oma und meine Mutter haben sich prächtig unterhalten, unser Sohn die ganze Autofahrt verschlafen. Die Schwiegereltern stürmen bereits aus dem Haus, als sie uns in der Auffahrt sehen. Küsse zur Begrüßung werden ausgetauscht, wir werden in das Haus gebeten. Schon im Vorzimmer kann man das köstliche Essen riechen. Gut so, denn ich habe großen Hunger. Es dauert nicht lange und wir sitzen alle am Esstisch und mampfen fröhlich den Truthahn. Eigentlich mag ich Truthahn nicht besonders, aber ich esse ihn trotzdem. Zumindest ein kleines Stückchen. "Aber Kind, iss doch mehr! Schmeckt es dir nicht???", fragt mich die Schwiegermutter. Ich antworte ihr, dass es köstlich sei und kaue an dem Stückchen Fleisch herum, welches ich soeben in den Mund geschoben habe. Ich stelle mir vor, es wäre einfach Huhn. Huhn liebe ich. Nach dem Essen gibt’s die Bescherung. Kerzen werden angezündet, Weichnachtslieder werden gesungen. Ich singe nicht. Ich singe nie, außer mit meinem Sohn, zu Hause, ungestört. Gut, dass es niemandem auffällt. Endlich bekommt jeder sein Geschenk. Danny, unser Sohn, hat ganz rote Bäckchen vor Aufregung. Schließlich bekommt er nicht jeden Tag so etwas zu sehen. Überall glitzert es und leuchtet es. Mit seinen Geschenken hingegen kann er recht wenig anfangen. Kein Wunder, er ist ja noch viel zu klein für Malstifte oder eine Autorennbahn. Wir bedanken uns trotzdem artig und setzen uns wieder an den Tisch. Danny wird in seinen Hochstuhl gesetzt und betrachtet aufgeregt das ganze Szenario. Es gibt Kaffee und Kekse. Ich muss wieder an meine Kakaotaler denken. Leider sind keine auf dem Keksteller. Danny versucht an die Kekse ranzukommen. Die Schwiegermama gibt ihm einen Keks in die Hand. Natürlich will er sich den gleich in den Mund stecken, wie alles, was er erwischt. Ich habe Mühe, den Keks noch zu erwischen. Zerbröselt liegt er nun in meiner Hand. Mit bösem Blick schaue ich die Schwiegermutter an, die mich völlig ignoriert und wegsieht. Ich will schon etwas sagen, da sehe ich, wie mein Mann meinen Blick sucht und mit dem Kopf schüttelt. Gut, ich schweige. Dafür mampfe ich mich mit den Keksen voll, bis ich fast platze. Um mich herum beginnt es chaotisch zu werden. Schwiegermama versucht, noch mehr Kekse und Kuchen aufzutischen und schreit ihren Mann an, er solle doch helfen. Doch er hört nichts, schließlich hat er genug mit der Oma zu tun! Keine Ahnung, um was es geht. Die ewigen Streitereien sind wir bereits gewohnt. Das Gezanke wird immer lauter. Mein Mann versucht sich einzumischen, lässt es aber gleich wieder. Meine Mutter beschäftigt sich mit Danny und versucht die Streitereien zu ignorieren. "Schwiegermama explodiert gleich", denke ich mir und stopf mir noch einen Keks in den Mund. Ich muss grinsen. Das ist ja besser als im Theater! Mein Mann kann das ganze Chaos nicht mehr mit ansehen und beginnt, unsere Geschenke in das Auto zu schlichten. Auch ich suche unsere sieben Sachen zusammen und meine Mutter versorgt Danny und zieht ihn an. Die Schwiegereltern verstehen, Schwiegermama packt uns Kekse ein. Schwiegerpapa hilft meinem Mann mit den Geschenken. Ich kann ihn flüstern hören: "Die Alte hat ja nicht mehr alle Tassen im Schrank." Kurze Zeit später fahren wir ab. Oma sitzt beleidigt am Rücksitz. Meine Mutter ist eingenickt. Danny schläft ebenso. Ich sehe, wie die Sonne untergeht. Wie das gelb-orange Licht am Horizont rotviolett wird. Es sieht traumhaft aus. Plötzlich muss ich an meinen alten Professor erinnern, der uns immer gesagt hat: Wenn das Licht am Horizont rotviolett wird und die Sonne untergeht, dann fangen die Engel an Kekse zu backen. Ganz entspannt sehe ich zu, wie die Sonne untergeht und der Himmel dunkelblau wird. Dann sind wir auch schon zu Hause, laden Oma ab, laden meine Mutter ab und fahren in unser trautes Heim. Ich kann es kaum erwarten. Später am Abend, als unser Sohn bereits eingeschlafen ist, und ich auf der Couch liege, gesellt sich mein Mann zu mir. In der Hand hat er einen Teller mit Keksen. Ich kann es nicht glauben: Kakaotaler! Ich freue mich riesig und obwohl ich noch bis obenhin voll bin, mampfe ich einen Keks nach dem anderen. "Weißt du, ich habe nachgedacht. Weihnachten ist für mich ein wichtiges Fest. Es ist das Fest der Familie und der Liebe. Ich möchte, dass wir es besinnlich feiern. Und heute ist mir bewusst geworden, dass meine Eltern und Oma das nicht so sehen. Du hast ja gesehen, sie haben sich nur gezankt. Und das will ich nicht. Nicht an Heiligabend! Deswegen finde ich, dass wir nächstes Jahr nicht zu meinen Eltern fahren sollten. Ich möchte den Tag mit dir und mit Danny verbringen. Ganz alleine. Schließlich sind wir eine Familie und ich liebe euch. Deine Mutter ist nächstes Jahr ohnehin bei deiner Schwester in Mailand eingeladen. Also sparen wir uns doch das ganze Theater und bleiben unter uns", sagt mein Mann zu mir. Ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Genau das habe ich mir schon all die Jahre gewünscht! Ich umarme meinen Mann und sage "Ich liebe dich!" Weitere Worte waren nicht nötig. Kakaotaler 250 g Rama 150 g Staubzucker 2 Dotter 200g Mehl glatt 20 g Kakaopulver Prise Salz 1 TL Vanillezucker abgeriebenes von einer Zitrone 1 Prise Zimt Butter und Staubzucker schaumig rühren, Dotter beimengen und mixen. Mehl, Kakao, Salz, Van.zucker, Zitrone und Zimt unterheben und vermischen. Rohr auf 200°C vorheizen, mit dem Spritzsack runde Taler drücken - ca. 10 min. backen, erkalten lassen, mit Marmelade zusammenkleben in dunkler Schokoglasur tunken und mit Kokosett bestreuen. Oder in weiße Glasur tunken und mit Schokostreusel bestreuen. Die Masse wird super weich und schmeckt nach ein paar Tagen in der Dose echt sündhaft!!! |
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