Petra Plaum Stressige Tage 3 schnelle Saucen "Mamaaaaaa! Mama-haaaaa!" "Gpmpft!" "Mamamamauäääh, UÄÄÄÄH!" "Jetzt steh doch endlich auf, hörst du nicht, dass sie dich braucht?" Mann knurrt. Kind kreischt. Frau - in diesem Falle ich - tappst benommen durchs Dunkel ins Kinderzimmer links. Schlummerlampe an, Blick auf die Uhr - zwei Uhr siebzehn - ich bin doch gerade erst eingeschlafen, verdammt! - Blick ins Gitterbettchen. Tochter hängt am Gitter, Gesicht verquollen, tränenüberströmt. Natürlich nehm’ ich sie raus, egal, wie sehr mein Rücken sich beschwert, ungeachtet dessen, was der Arzt mir geraten hat ("Lassen Sie sie öfter mal ein wenig brüllen. Die dirigiert sie sonst herum. Mit über einem Jahr können Kinder ganz genau abschätzen, wie sie ihre Eltern herumkommandieren können.") Ich hab sie ja schon öfter etwas brüllen lassen. Bis ihr Bruder wach wurde oder - noch schlimmer - ihr Vater ("Verdammt noch mal, ich muss morgen arbeiten, wie soll ich mich denn konzentrieren bei solchen Nächten? Tu endlich was, verdammt!"). Nehm’ ich die Kleine in den Arm, schaukle sie hin und her, lege ich mich schließlich mit ihr auf die Gästematratze neben dem Bett, schlummert sie sofort wieder ein. Ihr Vater, ihr Bruder, sie - alle sind dann am Morgen fit. Nur mein Rücken nicht. Aber wen interessiert schon der Rücken einer Hausfrau? Bittere Gedanken um nicht mal halb drei nachts. Bringt doch nix, Mädel. Augen zu, an was Schönes denken - Meer, so blau, Palmen, Sonnenschein - ganz ruhig atmen, gaaaanz ruhig, einaaatmen, ausaaaatmen... "Mamamamamaaaaaa!" Schon wieder Morgen? Bitte nicht! Aaaah, erst halb fünf. Noch Zeit zum Schlafen. Aber warum in aller Welt plärrt das Kind um halb fünf...? Ich fühle nach der Stirn meiner Tochter. Sie fühlt sich wärmer an als normal. Oh nein, nicht krank werden, heute muss ich doch den Großeinkauf machen, und Micha hat Weihnachtsfeier und ist ewig weg, und Gavin muss zum Bubenfußball, da wird auch gefeiert, und das Weihnachtsmenü wollte ich doch auch ausprobieren...Der wievielte ist jetzt? Der 21. schon. Mist! Mechanisch streichle ich Fionas Köpfchen, sie wimmert leise vor sich hin, und während ich mir noch überlege, ob ich ihr nun einen Tee oder ein Zäpfchen oder ein Wasser holen soll - irgendetwas - schläft sie auch schon wieder ein. Nur ich finde jetzt keinen Schlaf mehr. Wälze mich hin und her. Entwerfe Einkaufslisten, Geschenkelisten, Menüfolgen, so sehr ich mich auch bemühe, mein Meer-Palmen-Sonne-Programm abzuspulen. Ist ja auch schon Jahre her, seitdem du das Meer gesehen hast. Selbst die gute, alte Sonne ist in diesem Nebelloch in diesen Wochen kaum zu erahnen. Urlaub, du bräuchtest Urlaub!!! Endlich gelingt es mir, den Kopf abzuschalten und etwas zu dösen, da. . ."Mama, wo bist du?" Fragendes Stimmchen schallt durch den Gang. Gavin! Die Uhr zeigt sieben. Zeit fürs Frühstück! Küsse verteilen, dem Sohn einen Kaba, dem Vater einen Kaffee kochen, Tisch decken, auf dem Einkaufszettel notieren, dass Butter auch schon wieder fast alle ist, ein paar Herrenschuhe schnell nachpolieren, zwei Paar Kinderschuhe herauskramen, zwei Kinderjacken suchen, alles zurecht legen, prima, Micha kommt frisch geduscht an den Tisch, liest seine Zeitung, ich mach’ den Kindern Schäfchen mit Marmelade und schenk’ mir endlich einen Kaffee ein, als... "Mamahaaaa...uääääähhh...mamahuäääh" "Sie klingt nicht gut." Gerunzelte Stirn über die Zeitung hinweg. "Vielleicht wird sie krank?" "Hoffentlich nicht" seufze ich. "Wenn Fifi krank ist, gehen wir dann zum Arzt mit den tollen Autos?" Gavin sieht mit einem Mal richtig glücklich aus. Er strampelt in seinem Hochstuhl herum und erwischt den Tisch. Der erzittert. Gavins Becher kippt, Kaba ergießt sich über Kind, Tischplatte und Boden. Aus dem Kinderzimmer heult es immer noch: "Mamahaaaaa, hüäääh, huäääh!" Micha seufzt und blättert um. Gavin heult mit seiner Schwester im Duett. Ich pfeffere dem Kind einen Lappen hin - "hier, wer Chaos macht, kann auch selbst aufwischen" - und flitze ins Kinderzimmer. Fiona hat jetzt definitiv heiße Wangen. Ich setze sie auf meine Hüfte, geh mit ihr ins Wohnzimmer, wo mein Mann soeben in sein Jackett schlüpft. Gavin, endlich ruhig, patscht mit dem Lappen im Kaba auf dem Tisch herum. Ich setze Fiona auf den Boden, wo sie sofort anfängt zu krakeelen. Putze den Großteil des Kabas weg, worauf Gavin wieder schreit. "Du weißt ja, es wird heute spät", brummt mein Mann, und weg ist er. Für mich wird’s immer spät, du Ignorant, brülle ich, natürlich nur in Gedanken, was sollen denn die Kinder denken, wenn ich jetzt ihren Vater anschreie. Meine Wut lass ich am Rolladen aus, draußen der Himmel begrüßt mich so endlos grau wie der Tag, der vor mir liegt. Der Kinderarzt befindet, Fiona habe einen banalen grippalen Infekt. "Kein Grund zur Sorge, viel trinken, viel schlafen, das hat sich gleich wieder. Apropos Schlafen - haben Sie meine Tipps beherzigt? Hat es gewirkt?" - "Jaja", meine ich, schnappe meine Kinder und gehe. Gavin flennt, er wollte noch etwas bei den Rutschautos im Wartezimmer bleiben. Ich will einkaufen, das heißt: ich muss, so leer wie der Kühlschrank schon wieder ist. Als ich Gavin in seinen Autositz setzen will, bemerke ich, dass seine Hose nass ist. Der Arzt sagt, das sei ganz normal ("auch eigentlich saubere Dreijährige nässen gern noch mal ein, um ihren Unwillen zu zeigen oder sich den jüngeren Geschwistern anzugleichen".) Das Wissen hilft mir nun auch nicht weiter, ich hab die Wechselkleidung vergessen. Also erst nach Hause, Gavin umziehen, wieder ins Auto, mit beiden Kindern zum Supermarkt. Fiona holt inzwischen den ihr entgangenen Nachtschlaf nach. Im Autositz. Meinen Versuch, sie in den Einkaufswagen umzubetten, scheitert kläglich. Das Kind brüllt, als wolle ich sie erdolchen. Gavin kreischt: "Ich will da hoch! Ich, ich, ich!!!" und hangelt sich am Wagen nach oben. Er haut nach Fiona, Fiona haut nach ihm. Beide brüllen. Fremde Leute drehen sich nach uns um. Ich hasse meine Kinder! Warum hilft mir denn keiner? Ich schwitze schon, bevor der erste Liter Milch in meinem Einkaufswagen landet. Gavin erbettelt sich ein Wienerle, und obwohl ich eigentlich heute keine Frischwurst brauche, nehme ich pflichtschuldigst eine Gelbwurst und einen Pack Fleischsalat an der Theke mit. Als Nächstes reißt Gavin eine Packung Smarties auf. Die runden Dinger rollen durch die Gegend, ich schreie, weil ich die ja nun bezahlen muss, Gavin schreit, weil etliche für ihn verloren sind und Fiona, weil sie auch welche will. Hektisch sammle ich alle Waren, die ich wirklich und unbedingt heute brauche, und schiebe zur Kasse. An der Nachbarkasse steht eine junge Mutter mit Zwillingswagen. Beide Babies schlummern und gleichen den kleinen Engeln, die Anne Geddes-Kalender zeigen. Die Mama strahlt vor Mutterglück und Gelassenheit. Wie macht die das? Ich hasse sie! An meiner Kasse, vor mir, laden eine junge und eine mittelalte Frau gemeinsam Waren aufs Laufband. Im Wagen spielt ein Kleinkind vor sich hin. Die hasse ich ja noch mehr! Nur EIN Kind und die agile junge Oma dabei. Wie faul kann eine Hausfrau sein? Die junge Mama hat eine Föhnfrisur, offensichtlich frische Strähnchen und Makeup im Gesicht. Ich erhasche einen Blick auf perfekte französische Fingernägel und lächerlich dünne Beine. Auch ohne nachzusehen, weiß ich, welchen Anblick die Stempel in meinen verfleckten Hosen und meine eingerissenen Fingernägel bieten. Am allermeisten hasse ich jetzt mich selbst. Gavin unterbricht meine Gedanken, er plärrt nach einer Kinderüberraschung. Das Kind im Wagen vor uns lacht und gurrt ohne Unterlass. Die schlafenden Babyzwillinge werden um die Ecke geschoben. Fiona zappelt nörgelnd im Wagen herum, Gavin schmeißt sich auf den Boden. Mit zusammengebissenen Zähnen schleudere ich meinen Einkauf aufs Band. Die Welt ist so verdammt ungerecht!!! Eigentlich wollte ich um zwölf daheim sein. Stattdessen ist es fast eins. Gavin hat inzwischen eine Brezel und einige Smarties zusätzlich intus und beharrt darauf, keinen Hunger zu haben. Ich habe Hunger. Wollte ich nicht heute für Weihnachten kochen üben? Mist, es muss doch schnell gehen, die Weihnachtsfeier im Fußball! Die könnte ich natürlich ausfallen lassen, aber wie heißt es doch so schön in den Babyratgebern? Kinder lieben Rituale und feste Termine! Also Dienstags Fußball, es sei denn, die Kinder oder ich sind halbtot. Zum Glück hab ich Hähnchenbrustfilets parat. Die brate ich jetzt an. Als Sauce gibt’s mein Notfallrezept: Zwiebelwürfel in Öl bräunen, eine Packung Kräuter-Creme-fraiche drüber, ein wenig Knoblauchsalz und Pfeffer dazu - fertig. Für die Kinder schütte ich ein wenig in eine Warmhalte-Sauciere, für mich gebe ich einen Schuss Weißwein in den Rest und dann Mondamin dazu, denn der Wein war wohl zuviel und die Sauce zu flüssig. Das Tiefkühlgemüse ist inzwischen auch schön gar und der Basmatireis weich. Nach längerem Gemecker ist Fiona in ihrem Zimmer eingeschlummert. Gavin guckt den kleinen Eisbär. Ich hatte immer geplant, meine Kinder fernsehfrei zu erziehen. Micha bestand jedoch auf seiner Glotze im Wohnzimmer und das war das. Schon Fiona findet den Knopf zum Anmachen und betätigt ihn oft und gern. Eine halbe Stunde täglich unter meiner Aufsicht harmloses Kinderprogramm ist der Kompromiss, mit dem ich leben kann. Gavin weniger gut. Der will natürlich weitergucken, als das Essen fertig ist. "Zu viel Fernsehen macht dich blöd!" schimpfe ich. "Dann will ich halt blöd werden!" schimpft er zurück und haut nach mir. Ich beschließe, dass es Zeit für eine Auszeit ist und schleppe ihn in sein Zimmer. Warum muss ausgerechnet mein Kind so schwer zu erziehen sein? Wann ist ein Kind eigentlich endlich fertig erzogen? Mein Sohn brüllt, kreischt und hämmert gegen die Tür. Ich stelle mir vor, wie ich gegen ihn hämmere. Seinen Po versohle, bis er rot ist und brennt. Seinen Kopf gegen die Wand haue. Wie kann ich an so was auch nur denken? Was bin ich nur für eine Rabenmutter? "Rabenmutter! Rabenmutter!" kreischt mein Sohn aus seinem Zimmer. Ich sollte nicht mehr so oft laut denken, wenn der Sohn in Hörweite ist. Oder fluchen. Oder weinen. Was eine Mutter nicht alles sollte! Gavin schluchzt noch eine Weile vor sich hin, murmelt dann endlich "’tschuldigung". Nassgeschwitzt öffne ich die Tür. Gavin rast heulend auf seinen Platz am Tisch und weigert sich, etwas von seinem Teller auch nur zu probieren. Ich esse zwei Portionen kaltes Essen. Warm hätte es vermutlich richtig gut geschmeckt. "Und jetzt ein kuscheliger, gemütlicher Mittagsschlaf", locke ich Gavin. "Ich bin nicht müde", meckert er. "Ich aber", kontere ich. "Außerdem können müde Männer keinen Fußball spielen". Das zieht. "Du musst mir aber vorlesen", verlangt Gavin. Ich lese. "Noch eine Geschichte", fordert er. "Eine reicht", bestimme ich. "Ich will aber zwei!" - "Nein!" - Jetzt wird gejammert, geweint, schließlich geschrieen. So geht das täglich. Einmal mittags, einmal abends. Alle haben Rat für mich, Mutter ("einschließen und brüllen lassen, bis er nachgibt"), der Arzt ("wenn er sich so aufführt, braucht er vermutlich keinen Mittagsschlaf mehr, dann geht er vielleicht abends früher") und Micha sowieso ("soll er halt wach bleiben"). Ich brauche aber eine Pause, versteht das denn keiner? Jeder Hilfsarbeiter hat Anrecht auf eine Mittagspause, nur eine Mutter nicht! "Was du immer jammerst über die Kinder, als so schlimm empfinde ich sie gar nicht", meint Micha achselzuckend, wenn ich vom Tag berichte. Wohlweislich hat er sie noch nicht einen Tag alleine betreut. Endlich schlummert Gavin. Los jetzt, steh auf! Die Kochwäsche muss in die Maschine. Der Boden schreit nach einem Lappen. Das Geschirr muss eingeräumt und gespült werden. Wolltest du heute nicht wieder mal Ablage machen? Und um drei musst du die Kinder doch wieder wecken! Ich erhebe mich mit Beinen wie Blei. Mein Rücken zieht so, dass ich fast aufschreie. Micha hat kein Verständnis, wenn ich darüber klage ("Dann geh doch zum Arzt, der wird dir schon Massagen verschreiben. Wann du die machen lassen sollst? Na, ich bitte dich - es wird doch eine Massagepraxis mit Kinderbetreuung geben?") Es gibt keine Praxis mit Kinderbetreuung, schon gar nicht für zwei Kleinkinder. Micha schafft es selbst auch nicht, früher nach Hause zu kommen, damit ich alleine zur Massage flüchten kann - oder will er es nicht schaffen? ("Du siehst Gespenster. Klar passe ich gern auf unsere Kinder auf, es ist halt zurzeit unheimlich viel zu tun. Das verstehst du doch, oder? Du hattest ja selbst mal einen stressigen Job!") "Ich hatte mal einen stressigen Job", sage ich halblaut zu mir und beuge mich übers Putzwasser. Es klingt sarkastisch. Hatte! Ich war Unternehmensberaterin. Ich bin Familienmanagerin. ("Du wolltest doch die Kinder! Wolltest doch zuhause bleiben!" meint Micha). Konnte ich absehen, wie der Alltag allein daheim mit zwei Kindern aussehen würde? Nein. Hat mich irgendjemand gewarnt? Nein. Hatte ich vorher ein stressiges Leben? Nein. Ich glaubte nur, eines zu haben. Wegen der läppischen 55 - 60 Stunden pro Woche! Dabei hatte ich Feierabende und Wochenenden und einen tollen Liebhaber und Urlaub. Da hatte ich noch Fingernägel, Kleidergröße 38 und eine Frisur. Freunde, Parties und Zeit für mich. Nur für mich... Tränen tropfen ins Putzwasser. Ich würde gern jemanden anrufen. Aber wen? Meine Freundinnen, die echten, die von früher, arbeiten. Mutter, in ihrem kindersicheren Refugium 500 Kilometer von hier, arbeitet auch ("Ich bin halt die Ferienomi. Ich hätte die Kleinen eh nicht nehmen können. Ich mit meinem kaputten Bein. Außerdem liebe ich meinen Beruf, hat lang genug gedauert, wieder Fuß zu fassen nach dir."). Schwiegermama akzeptiert kein Gejammer ("Ist es nicht schön, einen Buben und ein Mädel zu haben und zuhause bleiben zu dürfen? Was war ich glücklich damals, nie wieder arbeiten zu müssen! Wie arm waren wir damals, und Ihr habt dieses wunderschöne, neue Haus! Also, dir geht es doch bestens, du hast doch kein einziges echtes Problem."). Mit den Frauen hier bin ich nach der kurzen Zeit noch auf Smalltalk-Ebene ("Was kaufst du Gavin und Fiona diesmal zu Weihnachten? Also, ich finde Walker besser als Bobbycars, schon allein der Natürlichkeit des Materials wegen" - "Was, dein Gavin nimmt noch einen Schnulli und ist noch nicht richtig sauber? Meine Michelle ging schon mit zehn Monaten auf den Topf und nahm niemals einen Schnuller!"). Stimmen in meinem Kopf, Stimmen, die mir Kopfweh bereiten. Ich muss sie verscheuchen, durch andere, mich nicht angreifende Stimmen ersetzen. Schalte die Glotze an. Micha würde den Kopf schütteln, wenn er mich so beobachten könnte ("Jetzt sei doch nicht so ungeduldig, nicht so genervt. Noch zwei Jahre, dann sind beide im Kindergarten. Dann kommen die Kontakte von alleine. Dann kannst du auch wieder arbeiten gehen, wenn du denn unbedingt willst.") "Ich lebe aber nicht in zwei Jahren, ich lebe jetzt", schniefe ich zu mir selbst. "Aber kann man das Leben nennen?" Ich kratze Schmodder aus einer Ecke, die ich, ich bin ganz sicher, heute schon zweimal gesäubert habe.Wo kommt der Schmutz jetzt schon wieder her? Warum schrubbe ich eigentlich tagtäglich jeden vermaledeiten Tag jede Ecke dieses blöden Bodens mehrmals? Wieso muss das überhaupt ich machen? Ich hab sechs Jahre studiert! "So einen Mist wollte ich niemals denken", seufze ich.Aber ich wollte ja auch niemals Nur-Hausfrau werden. Hätte ich ahnen können, dass ein halbes Jahr nach Gavins Geburt meine Stelle hopps geht? Und dass ich partout keine neue finde, schon gar nicht in Teilzeit? Aus Trotz hab’ ich irgendwann meine Verhütung vernachlässigt und prompt war Fiona unterwegs. Zwei Kinder in neunzehn Monaten. Damit war eh alles klar. Jetzt bin ich drei Jahre draußen aus dem Job. In meiner Branche könnten es genauso gut dreißig sein, so viel hat sich schon wieder geändert, technisch, strukturell, wirtschaftlich. Ich werde wieder von null anfangen müssen, und meine Erfahrung im Schmodder-von-Böden-Kratzen wird mir dabei niemand honorieren. Die Konkurrenz wird Mitte zwanzig sein, ungebunden, erfolgshungrig, flexibel und mobil -- "Uäääh! Mamaaaaahaaaa!" Fiona heult. Viel zu früh. Ich gehe zu ihr, nehme sie wieder mal aus ihrem Bett, vergrabe mein Gesicht in ihrem Haarflaum und weine leise, an sie geschmiegt. Immerhin bin ich es, nach der sie schreit, nicht irgendeine Nanny! Es ist ein Luxus, meine eigenen Kinder erziehen zu dürfen! Ich wollte nie so eine Alibi-Mama werden, wollte es mir schön machen gemeinsam mit meinen Kindern. Aber wann wird es endlich schön? Wann?Ich atme tief durch. Merke, wie die Anspannung sich langsam löst. Fiona streichelt mir über die Wange. "Mama, ei, ei", säuselt sie und lächelt mich an. Das finde ich jetzt schön. Schlagartig geht es mir besser und ich schäme mich meiner Gedanken von vorhin. Mit einem Gewissen schwer wie ein Felsbrocken trage ich sie in die Küche und bereite ihr erst mal was zu essen vor. Auch mein Magen knurrt schon wieder. Ich brauche aber keinen Hipp-Babybrei, ich brauche... "Schokolade", wispere ich. Während meine Tochter ihren Gemüsebrei löffelt, zaubere ich uns mein Lieblingsdessert: Eis Birne Helene mit Früchten aus der Dose und selbstgemachter Schokosauce. Die Sauce aus zwei halben Tafeln und Sahne wird ein wenig fest, kaum dass ich sie über das Eis gieße. Fiona jauchzt, als sie ihren Nachtisch erblickt. Ich sinke auf den Stuhl neben ihr, genieße das Eis und rege mich nicht mal über den Brei auf, der schon wieder auf dem soeben gesäuberten Boden klebt. Kind wickeln, Kind umziehen, Kind in den Laufstall betten, derweil die Putzutensilien weggeräumt werden - wie gut ich jeden einzelnen Handgriff inzwischen beherrsche! Und wie sehr ich die meisten davon hasse!Mehr als öde Sitzungen mit den Vorstandsvorsitzenden. Mehr als Berechnungen mit siebenstelligen Zahlen, die ihrer Wichtigkeit wegen nochmals und nochmals wiederholt werden mussten. Mehr als Kundengespräche mit giftigen, arroganten Arschlöchern. Aber jedes dieser Gespräche passierte nur einmal! War der Auftrag im Sack, die Rechnung gestellt, war der Sack zu und das Leben ging weiter. "Haushalt", sage ich zu Fiona, während ich versuche, ihr gegen ihren Widerstand eine neue Strumpfhose anzuziehen, "Haushalt ist wie die Strafe des Sisyphos, der jeden Tag denselben Stein denselben Berg hoch rollen musste, nur um ihn wieder nach unten sausen zu sehen. Haushalt ist wie der Albtraum dieses Reporters in "Und täglich grüßt das Murmeltier", der jeden Tag dieselbe langweilige Geschichte am selben öden Ort drehen muss. Haushalt ist was für Blöde, denen nicht auffällt, wie blöde das hier ist!" Visionen von früher tauchen in meinem Kopf auf, Bilder von mir beim Kochen diffiziler Drei-Gänge-Menüs, beim Plätzchenbacken, beim Stricken, Nähen, Sticken, Basteln. So stellte sich die Businesswoman, die ich vorher war, ihr Hausfrauenleben vor: kreativ und behaglich. Tja, Mädel, das ist halt doch nur die Kür. Und du hast mit der Pflicht so viel zu tun, dass du von der Kür weiterhin nur träumst. Endlich sitzt die Kleidung am Kind. Da fällt mir auf, wie kühl Fiona sich wieder anfühlt. Etwas wie ein Hochgefühl macht sich in mir breit.Sie ist wieder fieberfrei! Da hast du doch dein Erfolgserlebnis. Eine Aufgabe bewältigt, einen Virus vorerst besiegt. Und in einem halben Jahr darf Gavin ja auch schon in den Kindergarten, wenn er bis dahin endlich sauber ist... Plötzlich schäme ich mich für die bösen Gedanken von vorhin, vor allem die gegen Gavin. Apropos Gavin - "Zeit für Fußball, mein Süßer!" rufe ich und knipse das Licht in seinem Zimmer an.Gavin heult los.Das ist nichts Neues. Er will sich nicht anziehen lassen und muffelt vor sich hin. "Tja, ein Morgenmuffel, ganz der Papa", meint Micha dazu stets und hat so was wie Stolz im Blick. "Der Papa weiß schon, weshalb er nicht zuhause geblieben ist", sage ich jetzt und schnappe mir das motzende Kind. Schlussendlich siege immer ich. Zum Fußball sind wir wie fast immer die Letzten. Außer mir hat keine zwei Kinder dabei, dafür bringen einige ihre Männer oder Mütter mit. "Würdest du Gavin bitte aus seinen Wintersachen helfen?" frage ich Julia, eine der sympathischsten Mamas hier. Julia macht sich in aller Ruhe an meinem protestierenden Sohn zu schaffen, derweil ihr eigener brav daneben wartet.Warum ist Gavin nie so friedlich und geduldig? Was mache ich falsch? Letzteres frage ich mich die nächsten zwei Stunden dauernd. Ich muss etwas falsch machen, denn alle anderen Eltern sitzen da und unterhalten sich, derweil ich nonstop meinen Kindern hinterher renne. Mal schmeißt Fiona Stühle um, mal versucht Gavin, Teller vom Tisch zu reißen. Zum Schaukicken vor den Eltern traut er sich erst gar nicht nach vorne, klammert sich weinend an mir fest. Dann haut er ohne Grund seiner Schwester eine runter, die ihn dafür an den Haaren zieht. Beide kreischen um die Wette. "Da weiß ich doch, weshalb ich den Lukas bei seiner Oma lasse", meint eine Mama spitz. "Würde ich ja gern tun, aber die nächste Oma wohnt 250 Kilometer entfernt", entgegne ich. "Oder kannst du mir eine Oma leihen?" Darauf kommt keine Antwort. Ich gehe so früh es geht, besteche meinen wütenden Sohn und die quengelnde Tochter mit Lebkuchenherzen. Nächstes Jahr tu ich mir das nicht mehr an! Zum Abendessen verspüre ich den Drang nach etwas Leichtem. "Gemüsestreifen mit Joghurt-Sauce!" beschließe ich und mache mich ans Schnippeln, derweil zwei müde Kleinkinder an meiner Hose zupfen. Beide naschen von dem Gemüse, während ich werkle, und essen bei Tisch folgerichtig nur noch wenig. Stattdessen bewerfen sie sich mit Paprikastreifen und Gurkenrädchen. Ich sehe schon mein Spätabendprogramm vor mir: Das Beseitigen der Spuren ihrer Schlacht. Versuche, mich damit zu trösten, dass ich nun endlich weiß, was ich Weihnachten serviere: Salat mit meiner Joghurt-Sauce, Fischfilet mit der Creme-fraiche-Variante von heute Mittag und Birne-Helene-Eis zum Nachtisch. Geht schnell und schmeckt allen!Bist vielleicht manchmal eine hysterische Mutter und genervte Putze, aber im Improvisieren macht dir so schnell keiner was vor, klopfe ich mich im Geiste auf die Schulter. Bis beide Kinder im Bett liegen - sauber, satt und mit Geschichten und Liedern auch geistig versorgt - ist es halb zehn. Jetzt aber an die Arbeit, Mädel: Tisch und Boden wischen, Ablage machen, Wäsche sortieren, Spülmaschine befüllen... Ich will soeben loslegen, da klingelt das Telefon. "Äh, hallo, ist da die Susanne? Ich bin’s, Julia aus dem Fußball. Dein Mann ist doch auch auf dieser blöden Weihnachtsfeier. . ." Stimmt, Julias Mann ist ja ein entfernter Kollege von meinem. "Klar, Julia, was gibt’s? Schläft dein Sohnemann schon? Der war ja heute wieder so was von brav. . ." - "Im Fußball schon, sag ich dir, im Fußball! Hier hat der Anwandlungen! Der schreit, kratzt und haut, will nicht essen und nicht ins Bett, ich sag’s dir, ich bin manchmal nur noch ein kreischendes Nervenbündel. Entschuldige, dass ich dich so vollheule, aber ich dachte, dass du mich vielleicht noch am Ehesten verstehst, du bist ja auch so oft allein, und das mit zwei Zwergen. . ." Staunend lausche ich Julias Ausführungen. Ihr Ben und ein Haus-Teufel? Die coole Julia schreiend, heulend und frustriert? Sie wird mir von Satz zu Satz sympathischer. "Und jetzt kommt auch noch Weihnachten, und ich habe keine Ahnung, was ich denn kochen soll. Schnell soll es gehen und schmecken. Hilfe, nur noch drei Tage!" - "Ich hab da eine Idee für dich, Bocuse und moderne Diätpäpste würden das vielleicht schrecklich finden, aber meine Meute isst es ganz gerne und wir platzen auch noch nicht aus allen Nähten. Komm doch morgen früh mal mit Ben vorbei, dann geb’ ich dir die Rezepte und wir kommen vielleicht etwas zum Quatschen", sage ich. Als ich auflege, fühle ich mich zehn Jahre jünger und zehn Kilo leichter - endlich nicht mehr allein. "Soll Micha sich nachher mit seinem Suffkopp um die Ablage, den Tisch, den Boden und die Spülmaschine kümmern", meine ich gähnend und krieche in mein Bett. Creme-fraiche-Sauce (für 4) Passt zu weißem Fisch und Geflügel Zutaten: etwa eine halbe Zwiebel, ein Becher Creme fraiche mit Knoblauch oder Kräutern, Gewürze nach Geschmack (Salz, schwarzer Pfeffer oder rote Pfefferbeeren, bei Fisch auch Dill), Weißwein, ggfalls Saucenbinder für helle Saucen Fleisch oder Fisch mit feinen Zwiebelwürfeln in einer beschichteten Pfanne in Öl anbraten. Eine Packung Kräuter- oder Knoblauch-Creme fraiche hinzugeben, verrühren, so viel Wasser und Lieblings-Gewürze hinzugeben, bis die Sauce schmeckt und dann den Teil für die Erwachsenen mit Weißwein abschmecken. Wenn’s zu flüssig wird, mit Saucenbinder verdicken. Schokosauce 50 g Vollmilch- und 50g Zartbitterschokolade in einem Topf bei mittlerer Hitze unter Rühren flüssig werden lassen, einen Schuss süße Sahne hinzugeben, verrühren, sofort übers Eis geben Joghurt-Sauce Passt zu Salaten aller Art, auch Nudelsalat oder als Dip zu Gemüsestreifen Zutaten für 4 300 g Magermilchjoghurt 2 Packungen Salatkräuter (z.B. Salatkrönung) ein Schuss Ketchup, ein Schuss Senf 100 ml Sahne für die Sauce bzw. zwei EL Sahne für den Dip alle Zutaten kräftig verrühren. Zu Blattsalaten am Besten in einem Schälchen oder einer Sauciere reichen, sieht edler aus und verhindert, dass der Salat matschig wird |
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