Melanie Demitz Gatte im Rumtopf Sie musste backen. Ausgerechnet sie! Sie, die für das Backen ähnlich wenig übrig hatte wie für das Kochen. Und das war wahrlich nicht viel, um nicht zu sagen, eigentlich gar nichts. ![]() Sie dachte ganz bewusst "an DER Gleichen", denn natürlich waren es immer noch die Frauen, welche die Arbeit in solchen Fällen hatten. Wie eh und je und wie bereits hundert Jahre zuvor auch. Was war eigentlich mit der so viel gerühmten Emanzipation? In diesem Punkt, so schien es ihr, war die Emanzipation offenbar ins Leere gelaufen. Nicht so bei ihr: In der Regel spannte sie spätestens an dieser Stelle ihren Mann mit ein. Was zur Folge hatte, dass sie schon seit geraumer Zeit nicht mehr gebacken hat. Und jetzt musste sie es tun, denn ihr Mann war beruflich viel unterwegs und konnte es diesmal nicht übernehmen. Seufzend beugte sie sich über das Rezeptbuch; die Zutaten standen schon bereit. Mit dabei: eine Flasche Whiskey und ein Glas mit Rum-Rosinen. Ersteres freute sie besonders, denn wenn sie nun schon backen musste, dann wollte sie es sich wenigstens auch ein bisschen nett machen! Für den Kuchen brauche ich eine halbe Tasse von dem Whiskey, bleibt also noch genug für mich übrig, dachte sie berechnend. Normalerweise trank sie nicht viel Alkohol, schon gar keinen Whiskey, aber Härtefälle wie dieser riefen eben auch nach härteren Maßnahmen. Sie grinste und genehmigte sich den ersten Schluck. Scharf rann er ihren Hals hinunter und wärmte ihr Inneres wohlig. So, jetzt war sie gerüstet. Sie begann, die Zutaten penibel nach Rezept zusammen zu bringen und zwischendurch nahm sie immer mal wieder einen Schluck vom Whiskey. Prüfend schaute sie sich noch mal das Rum-Rosinen-Glas an um zu sehen, ob der Inhalt wohl reichen würde. Vor kurzem hatte sie einen Teil der Rosinen an eine Nachbarin abgegeben, die sie für Plätzchen gebraucht hatte. Die übrigen Rosinen schwammen nun also mit etwas mehr Platz im Glas herum. Na, wird eben reichen müssen, dachte sie und nahm sich noch einen Schluck Whiskey. Mit lockerer Hand rührte sie im halb fertigen Teig und schwungvoll schlug sie die Eier auf. Hoppla klatsch das war wohl etwas zu schwungvoll! Egal, Eiermatsche kann man wegwischen, dachte sie und kicherte. Mit einer eleganten Drehung im Handgelenk wischte sie das Ei weg. Schwupps ein Teil des Eigelbs landete am Kühlschrank. Sie neigte ein wenig den Kopf , stierte komisch darauf und fand, dass es irgendwie kunstvoll aussah. Darauf einen Schluck für die Künstlerin! Jetzt waren die Rosinen dran. Sie nahm das Glas zur Hand und blickte leicht ungläubig darauf. Fische? Fische im Rosinen-Glas? Flink schwammen sie im Rum hin und her: Lauter kleine Fische, die andauernd Luftbläschen von sich gaben. "Bllluubbbb-Hicks", lallte sie und kicherte wiederum. Nett sahen sie aus, die kleinen Fische, sehr nett. Viel zu schade zum Backen. "Ihr Ssssssüssnnn hick ihr wollllllt doch nich gebaggen wern, oda hick - ? Neeeee hick- ihr sssseid doch soooo niedlich hick- !" Während sie mit den Fischen sprach, drehte sie sich mit dem Glas in der Hand im Raum ein wenig hin und her. Bei dem, was nun folgte, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen: Ihr Gatte höchst persönlich schwamm dort im Rum! Sein Gesicht war durch die Flüssigkeit und das gewölbte Glas etwas verzerrt, aber es war doch eindeutig ihr Mann! "He!", rief sie laut, " wasss schwimmssst DU denn da im Rum rum???" Empörung ihrerseits. Das ging ja nun wirklich zu weit! Ob sie ihn statt der kleinen Fische einfach mitbacken sollte? Das wäre die Gelegenheit... Gedämpft klang ihr die Antwort ans Ohr: "Glugggggg....Blubb...Gurgel!" "Hä???" "Gurgel-di-blubber!" "Oh, Verssseihung, du willlllst da bestimmt raus. Moment, ich mach ma auf." Leicht schwankend schraubte sie den Verschluss des Rumglases auf und schaute von oben herein. Nichts. ![]() Verwirrt hob sie das Glas wieder auf Augenhöhe. Da! Da war er wieder! "Blubbbb!!!" Die Augen ihres Mannes begannen sich zu weiten; ihre eigenen in gleichem Maße mit, denn des Gatten Kopf wurde größer! Sein Mund öffnete sich, als ob er noch etwas sagen wollte. Oder aber sie verschlingen... Das war jetzt eindeutig zuviel für sie! Schwindel erfasste sie, die ganze Küche drehte sich und sie merkte noch, wie der Küchenfußboden näher kam. Dann fingen starke Arme sie auf... Sie erwachte. Durch die Vorhänge im Schlafzimmer fiel Tageslicht. Kopfschmerzen. Leichte Übelkeit und Durst. Oh, solcher Durst! Obwohl sie kein Wort von sich gegeben hat, wurde ihr plötzlich ein Glas Wasser vor die Nase gehalten. Und ein Aspirin. "Komm, nimm das", hörte sie die sanfte Stimme ihres Mannes, "dann geht es dir bald besser." Dankbar nahm sie es an. "Was war denn los?" Im Augenblick konnte sie sich an nichts erinnern. "Du wolltest wohl backen", grinste er, "und dir die unangenehme Arbeit ein wenig - na ja - versüßen. In dieses Szenario bin ich dann hereinkommen und stand just in der Küchentür, als du das Rumglas in der Hand hattest." "Auweia..." Alle ihre Sünden fielen ihr wieder ein. Der Gatte im Rumtopf! Laut lachte sie auf bei der Erinnerung daran, aber der Kopfschmerz unterband diese spontane Reaktion sofort wieder. Er hatte also hinter dem Glas gestanden, nicht in dem Glas... Bei Licht besehen war es wirklich zu komisch! "Oje, was ist denn jetzt mit dem Kuchen? Ist der angefangene Teig noch zu retten?" "Ich habe den Kuchen gestern Abend noch fertig gebacken." beruhigte er sie. " Nur die Rum-Rosinen haben es nicht überlebt. Du hast das Glas fallen lassen, als es dich, sagen wir mal, nach unten zog." Belustigt zwinkerte er ihr zu. "Siehste", rief sie aus, "das kommt davon! Ich backe nie wieder!" Und dabei blieb es. Rezept für den Weihnachts-Fruchtkuchen Für den Teig 200g Korinthen 125g Rum-Rosinen 2 Beutel Frutta-Mix 100g gehobelte Haselnüsse 100g kandierte, gehackte Walnuss-Stücke 100g gehackte Mandeln 50g Mehl 250g Butter oder Margarine 200g Farinzucker (brauner Zucker) 4 Eier 250g Mehl 1 Päckchen Backpulver je 1 TL gemahlenen Ingwer und Zimt ¼ TL gemahlenen Kardamom ¼ TL Salz ½ Tasse Whiskey Außerdem Backpapier für die Form Zum Verzieren 2-3 Tuben Fondant-Glasur Zitronengeschmack etwas Frutta-Mix Steckpalmenblätter Früchte, Nüsse und Mandeln in eine große Schüssel geben, mit Mehl bestäuben und verrühren. Fett, Zucker und Eier schaumig rühren. Das mit Backpulver vermischte Mehl, Gewürze und Salz hinzufügen und alles zu einem glatten Teig verrühren. Die Früchte-Nuss-Masse darunterheben. Whiskey untermischen. Die Teigmasse in eine mit Backpapier ausgelegte Springform (Durchmesser 26 cm) füllen und glattstreichen. Im vorgeheizten Backofen auf der unteren Schiebeleiste backen. Den Kuchen etwa 30 Minunte in der Springform abkühlen lassen, dann den Rand der Springform lösen. In Alufolie einschlagen und etwa 3 Tage lagern, bevor er mit Glasur überzogen wird. Den Kuchen mit Fondant-Glasur überziehen, mit etwas Frutta-Mix und Stechpalmenblättern verzieren. Dieser gehaltvolle Kuchen sollte 3-4 Wochen vor dem Verzehr gebacken und in Alufolie aufbewahrt werden. Je länger er liegt, desto besser schmeckt er. Elektroherd: 180 Grad Gasherd: Stufe 2 Backzeit: 100-120 Minuten |
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