Louise Reuter Hier Chanukka - dort Weihnachten Jedes Jahr Mitte November begann meine allerbeste Freundin Barbara mit ihren Weihnachtsvorbereitungen - eifrig suchte sie die neuesten Plätzchen-Rezepte, kaufte ein, verpackte, umwickelte, putzte, kochte, backte und dekorierte. Vorher aber fabrizierte sie endlose Listen für alles. Barbara schrieb auf, wen sie zum Weihnachtsabend einladen wollte oder musste, notierte, wer was geschenkt bekommen sollte und an wen sie eine Weihnachtskarte zu schicken hatte. Mitleidig betrachtete ich sie - wie praktisch, dass ich jüdisch bin, dachte ich - gut, dass ich mich solch einem Stress nicht aussetzen musste. Dann ging es um die wichtige Frage des Weihnachtsmenüs - Barbara hatte schon lange dem traditionellen Gänsebraten in ihrer Familie abgeschworen und suchte jedes Jahr nach einem neuen aufregenden Rezept. Wir diskutierten, wälzten Kochbücher und dann hatte sie es - diesmal würde es bei ihr einen Rehrücken geben. Ich war ebenfalls bekennende Listenmacherin und schrieb meinerseits hingebungsvoll an Listen für Chanukka - bereits das Entwerfen einer Liste verbreitete ja das berauschende Gefühl, etwas Produktives zu tun. Aber ich musste nicht darüber nachdenken, was ich wem zu Weihnachten schenken musste oder wollte, denn bei uns gibt es kein Weihnachten - wir feiern acht Tage lang Chanukka, das jüdische Lichterfest. Im jüdischen Kalender wurde nach dem Mond gerechnet, und deshalb verschoben sich unsere Feste zwar jedes Jahr etwas, aber Chanukka lag trotzdem immer im Dezember - das Fest begann jeweils am 25. Kislet, so hieß bei uns der Dezembermonat. Da mindestens ein Chanukka-Tag auf einen Freitag, den Schabbes, fiel, waren meine Lieben gewohnt, dass ich ihnen zum Schabbes eine köstliche Kneidlachsuppe servierte. Wenn ich wirklich andächtige, selige Gesichter am Esstisch sehen wollte, musste ich nur diese Suppe kochen - nach einem uralten Rezept meiner deutschpolnischen Großmama. Die Suppe galt zwar nicht als typisches Chanukka-Gericht, aber für uns war sie das Beste auf der Welt. Nach jüdischer Tradition wurde den Kindern an jedem Chanukka-Tag etwas Geld geschenkt. Früher gaben sie es als Dankeschön an ihre Lehrer weiter, doch jetzt behielten sie es, und einige jüdische Eltern schenkten mittlerweile ihren Kindern kein Chanukka-Geld mehr, sondern jeden Tag eine andere Kleinigkeit. Während ich weiter an meinen Listen schrieb, überlegte ich, ob ich meinen beiden nicht auch mal etwas anderes als Geld schenken konnte. Der Gedanke elektrisierte mich. "Du hast es echt gut", meinte Barbara. "Du musst dich nicht wirklich in diesen blöden Weihnachtstrubel stürzen." "Ach, weißt du - ich hab mir gerade gedacht, dass ich meine Leute auch richtig beschenken werde, die Kinder kriegen diesmal nicht nur Geld", erklärte ich Barbara. "Eigentlich ist Geld doch ziemlich fantasielos." Und mein Liebster freute sich jedes Mal wie ein kleines Kind, wenn ich ihm etwas schenkte - also beschloss ich, auch ihm zu Chanukka etwas Hübsches zu präsentieren. Nein, keinen Schlips, keine Socken und auch kein Oberhemd - ich dachte eher an einen Gruselkrimi, dabei entspannte er sich so gern. Und Mama würde sich bestimmt ebenfalls freuen, wenn ich ihr ein oder zwei Päckchen in die Hand drückte. Ich schrieb an einer weiteren Liste und notierte alles für die Essensplanung und den Schabbeseinkauf zu Chanukka, denn genau damit begann diesmal die Chanukka-Zeit. Als erstes würde es natürlich die goldene Hühnerbrühe mit Kneidlach geben, danach einen Lammrücken und zum Ende gebackene Krapfen. Was Barbara konnte, konnte ich auch. Und am nächsten Tag würde ich kleine, dünne Kartoffelpuffer machen, mit jeder Menge köstlichster salziger und süßer Beilagen - in Öl gebratene Kartoffelpuffer waren ein typisches Essen zu Chanukka. Barbara backte für ihre Familie Blech um Blech Weihnachtsplätzchen, in Engel-, Sternchen- oder Weihnachtsmannform, und in diesem Jahr backte ich für Chanukka Berge von Haferflockenkeksen. Obwohl ich keine begeisterte Bäckerin war, wurden die Haferflockenkekse schön hellbraun, knusprigweich und bröselten bei jedem Bissen, genau so, wie sie es tun mussten. Meine Kinder kamen prompt in die Küche, als der Duft aus dem Backofen langsam durch das Haus zog, und natürlich mussten sie gleich einige warme, knusprige Plätzchen essen. "Riecht ja fast wie Weihnachten bei Barbara", meinte mein Großer. "Wie schön, wir feiern jetzt Weihnukka", freute sich meine Kleine. "Nix da", sagte mein Liebster und griff sich ebenfalls ein Plätzchen. "So weit kommt das noch!" Barbara machte die Weihnachtseinkäufe immer allein oder gelegentlich auch mit ihrem Liebsten. Aber in diesem Jahr hatte ja auch ich einiges vor, also gingen wir gemeinsam in die Stadt. Geschenke auszusuchen machte eigentlich nur in der ersten halben Stunde Spaß, danach sank das Thermometer meiner Begeisterung rapide - um uns herum angestrengt lächelnde Verkäuferinnen, jeder Laden, jedes Kaufhaus total überfüllt und überheizt, ungeduldige, gereizte Käufer, in den Ohren ständig dudelnde, ausgeleierte Weihnachtslieder, und wir rannten hierhin, dahin, dorthin, bis wir unsere Füße brennend gern umgetauscht hätten. Acht kleine Geschenke für jedes Kind, das machte bereits sechzehn kleine Geschenke und dazu noch Mama und mein Liebster. Ich stöhnte - auf was hatte ich mich da nur eingelassen. Zum Abschluss der Einkaufstage lud Barbara mich ein, am nächsten Abend gemeinsam mit ihr über den Weihnachtsmarkt zu bummeln. Wir tranken Glühwein, bis wir beide nur noch albern kicherten, wir fuhren Autoscooter und zweimal Kettenkarussell, und ich aß ein Fischbrötchen, Kartoffelpuffer und überbackenen Camembert. Barbara verspeiste Rostbratwürstchen, Kartoffelpuffer und Schweinefleisch mit Krautsalat. "Das gehört bei mir unbedingt zum Weihnachtsmarkt dazu", erklärte sie. "Hast du denn nie Lust, auch mal so etwas zu essen?" Ich schüttelte den Kopf. "Wir essen eben kein Schweinefleisch, ich bin einfach an diese Regeln gewöhnt", sagte ich und kaufte noch eine Tüte gebrannte Mandeln. "Eigentlich denkt keiner bei uns mehr darüber nach, weshalb wir Weihnachten feiern", seufzte Barbara auf dem Heimweg. "Es geht nur noch um kaufen, kaufen, kaufen. Wer von uns denkt denn noch an Jesus. Du hast es gut, du kommst nie in diesen Druck. Was feiert ihr eigentlich genau zu Chanukka?" "Chanukka ist für uns die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem. Und weil es damals bei der Säuberung nur ein kleines Ölgefäß gab, das aber dann wie durch ein Wunder doch plötzlich acht Tage lang brannte, feiern wir acht Tage und zünden zu Hause Chanukka-Kerzen an, jeden Abend eine mehr, bis zum Schluss acht Kerzen leuchten. Die Kinder bekommen jeden Morgen ein kleines Geldgeschenk, und abends sitzen die Familien zusammen, singen und spielen." "Hört sich toll an", meinte Barbara. "Aber an Jesus glaubst du nicht?" "Na, für mich ist er schlicht ein Rabbiner", erklärte ich und lachte. "Weshalb lachst du?" "Ach, ich weiß eine schöne Geschichte: ‚Eine alte, jüdische Großmutter hört zu, wie ihr Enkel und sein christlicher Freund darüber streiten, ob Jesus denn nun der Messias wäre oder nicht. Belustigt schüttelt sie dann ihren Kopf und meint freundlich: "Ihr seid beide meschugge. Ist doch ganz einfach - wenn der Messias am Weihnachtsabend kommt und sagt zu uns Jidden: 'Schön, euch nach so langer Zeit mal wieder zu sehen’, dann haben die Christen Recht gehabt. Kommt er aber zu Chanukka und sagt zu den Christen: 'Wie schön, euch endlich einmal persönlich kennen zu lernen’, dann haben wir Jidden Recht gehabt." Auch Barbara lachte. "Gut, warten wir es ab. Und ich wünsch euch morgen einen schönen ersten Chanukka-Abend und zugleich gut’ Schabbes." "Danke, Barbara." Komisch - dieses Jahr fühlte ich mich zu Chanukka irgendwie ziemlich gerädert. Nächstes Jahr würde ich die Haferflockenkekse weglassen und zum Schabbes nur die Kneidlachsuppe kochen - Lammrücken gab es bei uns eigentlich sowieso zu Pessach und nicht zu Chanukka. Und die Kinder brauchten nicht jedes acht kleine Geschenke und Mama und mein Liebster erst recht nicht. Familie und Freunde, Kneidlachsuppe, feierliche Chanukka-Lichter, gebackene Krapfen, vergnügte Lieder und Spiele waren ausreichend, beschloss ich und räumte mit meinem Liebsten den Esstisch ab. Von der Kneidlachsuppe war, wie immer, nichts übrig geblieben. *Kneidlachsuppe* 1 schönes Suppenhuhn - 2 bis 2½ kg 1 dickes Bündel junges, wirklich frisches Suppengrün 1 Zwiebel bei Bedarf gekörnte Gemüsebrühe frischer Dill Salz Für die Kneidlach: Pro Person 1 Ei und 1 bis 2 Essl. Mazzemehl - Paniermehl aus Mazzen, dem ungesäuerten Pessachbrot (gibt es in größeren Städten in Koscher-Läden - zur Not kann man auch "christliches" Paniermehl nehmen, schmeckt aber nicht ganz so gut) Salz frisch gemahlener weißer Pfeffer Das ausgenommene Huhn reinigen, in einen sehr großen Topf (ich nehme dafür einen 10-Liter-Topf) mit gesalzenem, kochenden Wasser legen, dann nach dem Aufkochen Deckel drauf. Zwischendurch den nach und nach aufsteigenden Schaum mit der Schaumkelle entfernen. Jetzt das klein geschnittene Suppengrün und die klein gehackte Zwiebel dazugeben - Deckel drauf und leise köcheln lassen, bis das Huhn ganz zart ist (kann bis zu 3 Stunden dauern, je nach Größe des Huhns). Eventuell mit gekörnter Gemüsebrühe abschmecken. Währenddessen die Kneidlach vorbereiten: die Eier mit dem Salz, Mazzemehl und Pfeffer gut vermengen und den Teig 15 Minuten quellen lassen. Wenn dann der Kneidlachteig noch zu weich oder aber zu fest sein sollte, entweder Mazzemehl hinzugeben oder aber noch ein Ei. Der Teig darf nicht zu fest sein. Danach Hände mit Wasser anfeuchten, walnussgroße Bällchen aus der Teigmasse formen und auf einen großen Teller legen. Das gare Huhn aus der Brühe holen, von den Knochen lösen, das Fleisch in größere Stücke zerteilen und wieder in die Brühe geben. Jetzt die Kneidlach sanft in die siedende Brühe gleiten lassen - sie saugen das Hühnerfett auf und werden dadurch flaumig locker. Nach 20 Minuten sind die Kneidlach gar. Während des Garens gehen die Kneidlach sehr stark auf und drehen sich von selbst mit einem Schwupp auf die andere Seite. Zum Schluss schwimmen die Kneidlach eng aneinander gedrängt oben auf der goldenen Hühnersuppe - sieht toll aus. Die Kneidlachsuppe mit frisch geschnittenem Dill servieren. |
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