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Karin Schulze

Wohl dem, der eine Oma hat


Laura, eine vierundzwanzigjährige Studentin hält ihr Gesicht der wärmenden Sonne entgegen. Vorwitzig und keck tanzen die goldenen Strahlen auf der Sonnenbrille, die ihr Gesicht halb verdeckt. Einerseits verbergen die dunklen Gläser ihre Tränen, andererseits, die tiefe Traurigkeit und den Schmerz in ihren Augen.

Wie jeden Sonntag besucht Laura das Grab ihrer erst kürzlich verstorbenen Großmutter Herta, auf einem kleinen städtischem Friedhof ihrer Heimatstadt Berlin. Liebevoll versorgt sie das blumengeschmückte Grab, um danach auf einer kleinen sonnigen Parkbank zu verweilen und ihren Gedanken nachgehen zu können. Sie denkt an ihren letzten Besuch bei Herta vor zwei Monaten.

Herta, einst eine resolute, vitale, lebenssprühende Frau, lebte aufgrund ihrer Demenzerkrankung schon lange nicht mehr allein. In einem Seniorenstift am Rande von Berlin, wurde die 82jährige alte Dame, liebevoll von geschulten Schwestern umsorgt.
Erst schleichend, dann langsam aber stetig zunehmend, legte sich der Schleier des Vergessens auf die Seele der alten Dame. Selbst Medikamente konnten nicht verhindern, dass sie immer mehr die Fähigkeit des Sprechens und des Erkennens verlor.
Auch Laura, die regelmäßig zu Besuch kam, wurde von Herta oftmals nicht mehr erkannt. Manchmal huschte ein erkennendes Lächeln über das faltenreiche Gesicht der ausgemergelten Gestalt, um dann gleich wieder hinter der Maske des Schweigens zu versinken.
An diesem Sonntag führte Laura ihre Großmutter behutsam zum Schaukelstuhl nahe der geöffneten Balkontür. Herta liebte es aus dem Fenster zu schauen. Aus der Ferne waren Geräusche - wie fröhliches Kinderlachen, ungeduldiges Ertönen von Fahrradklingeln eiliger Passanten, sowie das lustige zwitschern von Vögel aus dem nahen Park, zu hören.
Leiser Sommerwind, getragen von wärmenden Sonnenstrahlen, lies die zarten Gardinen in dem hübsch eingerichteten Zimmer des Seniorenstifts, leise auf und ab schweben.

Laura wickelte ihre stets frierende Großmutter liebevoll in eine Decke aus Schafwolle. Dann nahm sie sich ebenfalls einen Stuhl und setzte sich hinzu.
Herta war heute ungewöhnlich unruhig. Ihre Hände fuhren immer wieder suchend über die Decke. Obwohl Laura sorgfältig die Falten der wärmenden Hülle glatt zog, schlug die Frau nun zornig auf die Decke ein.
Laura stand auf und beugte sich über den Stuhl. Geduldig versuchte sie den Unmut ihrer Großmutter zu ergründen. Schließlich fasste sie unter die Decke und bemerkte, dass sich ein Foto in den Falten verhangen hat. Neugierig geworden zog sie das Bild hervor. Mit einem wehen Lächeln betrachtete die junge Frau das Foto. Es war ein Familienfoto, aufgenommen vor langer Zeit zu Weihnachten. Lauras Eltern, ihr kleiner Bruder, sie selber und sogar der Hund, hatten sich zu einem Foto zusammengestellt. Alle saßen glücklich lächelnd um den reichhaltig gedeckten Tisch und ließen sich das wunderbare Weihnachtsessen schmecken.
Laura wischte sich verstohlen über die Augen. Sie vermisste die glücklichen Jahre ihrer Kindheit. Jahre voller Geborgenheit und kindlicher Naivität. Sie vermisste die wahre Herta, die optimistische Frau von einst, die sich liebevoll nach dem Tod der Eltern, um beide Kinder sorgte.
Plötzlich, schnellten die dünnen Arme der kranken Frau unter der wärmenden Decke hervor. Sie stieß einen kehligen, klagenden Laut aus, der Laura bis ins Mark erschütterte.
Unsicher gab sie das Bild zurück. Herta griff blitzschnell zu und drückte das Foto fest an ihre schmale Brust.
Traurig setzte Laura sich wieder auf ihren Stuhl.
Sie wünschte sich so sehr, die Gedankengänge ihrer Großmutter entwirren zu können.
Hat sie tatsächlich erkannt, dass es sich auf dem Foto um ihren verstorbenen Sohn und dessen Familie, bei einem Weihnachtsessen vor fast zwanzig Jahren handelte?
Wusste sie noch, dass sie jedes Jahr darauf bestand für alle zu kochen?
In ihrer Erinnerung konnte Laura noch den unvergesslichen Duft nach Braten und Kohl vernehmen, der an Heiligabend wabernd durch Hertas Haus zog. Herta verwöhnte ihre Lieben jedes Jahr mit -Grünen Klößen in Speckdippe -. Dazu gab es Kassler mit Sauerkraut.
Konnte sie sich noch an Biene, den golden Retriever erinnern, der immer so gern zu ihren Füßen lag und am Weihnachtsabend seinen Platz unter dem Esstisch nicht verließ?
Und dachte sie noch an Benny, ihren Lieblingsenkel, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war!

Wie immer sonntags auf dem Friedhof, machte Laura sich bittere Vorwürfe darüber, das sie bei ihrem Besuch bei Herta darüber erleichtert war, einfach wieder aus dem Stift rausgehen zu können. Heute noch verfolgten sie die traurigen Augen ihrer Großmutter an diesem letzten Tag. Wollte sie, dass ihre Enkelin ihr von früher erzählte, auch wenn sie selber nicht mehr antworten konnte? Ahnte Herta ihren baldigen Tod?

Noch in derselben Nacht wurde Laura unsanft vom anhaltenden Klingeln des Telefons geweckt.
Leise und bewegt teilte ihr die Heimleiterin mit, dass ihre Großmutter soeben, während der Nachtruhe verstorben sei. Als die Schwester noch einmal nach ihr schauen wollte, hatte sie bereits die Augen für immer geschlossen.
Herta hatte ein glückliches Lächeln auf dem Gesicht, als Laura sich am nächsten Morgen von ihr verabschiedete.
In ihren gefalteten Händen hielt sie das Foto ihrer Familie, so als hätte sie es noch einmal betrachtet, bevor sie auf ihre lange, letzte Reise ging.

Die Sonne verzog sich langsam hinter den Bäumen und ließ kalten Schatten zurück.
Laura fing zu frieren an. Langsam nahm sie die Sonnenbrille ab, um sich die Tränen abzuwischen. Dann stand sie auf und verließ ohne Hast den Friedhof.


Grüne Klöße in Speckdippe
(für 4-6 Personen)
(gibt es bei mir immer am ersten oder zweiten Weihnachtsfeiertag)

2 kg festkochende Kartoffeln
2 Eier, 1 Päckchen Kartoffelmehl, Pfeffer, Salz
1 kg Kassler
1 Glas Sauerkraut
1 Päckchen gewürfelten Speck
2 Esslöffel Kümmel
4 Esslöffel Honig
¼ Flasche Olivenöl
3- 4 Lorbeerblätter
6-8 Pimentkörner
2 Zwiebeln
4-6 Knoblauchzehen
Pfeffer, Salz nach Bedarf
2 Teelöffel gekörnte Brühe
½ Ltr. Wasser
2 Esslöffel Schmant

Zubereitung
Klöße
Ein kg Kartoffeln als Pellkartoffeln kochen, etwas abkühlen lassen. Danach mit der Kartoffelpresse zerquetschen.
Das andere kg mit der Küchenmaschine reiben, in einem Baumwolltuch ausdrücken. Es darf kein Wasser mehr drin sein. Die rohen und gekochten Kartoffeln miteinander vermengen (Masse muss kalt sein) Danach die Eier, Salz und Pfeffer sowie das Kartoffelmehl zugeben (Es geht auch Mehl)
Die Masse ist fertig, wenn sie nicht mehr so an den Händen batscht (Kommt auf die Kartoffeln an)
Dann kleine Klößchen formen und in kochendem Salzwasser aufkochen. Schwimmen die Klöße oben, noch etwa zehn Minuten ziehen lassen. (Sie werden dunkelgrün)

Speck und Zwiebeln miteinander braten, Klöße in eine Schüssel geben und alles miteinander vermengen.

Sauerkraut
Ca 100 ml. Olivenöl in einen Topf geben, eine gewürfelte Zwiebel anschwitzen.
Sauerkraut hinzugeben, mit den Lorbeerblättern und dem Piment würzen. Etwas pfeffern. Das Kraut ca. 20 Minuten kochen lassen. Danach den Honig untermengen und kurz mitköcheln lassen.

Kassler
Den Kassler mit Knoblauch und Zwiebeln spicken. In Olivenöl scharf anbraten, ½ Ltr. Wasser, gekörnte Brühe zugeben und im Rohr, abgedeckt, ca. 1Stunde braten.
Kassler kalt werden lassen und dann erst schneiden.
Soße:
Den Sud einköcheln lassen, mit Mondamin andicken, mit Schmant abschmecken. Nur auf den Kassler geben, auf die Klöße nicht.

Dazu ein leckeres Bier!

Guten Appetit