Home
Frauen Kinder Kueche Wer Mail Impressum
Maenner Kultur Medi-Eck Anzeigen Chat Links

Elisabeth Miller

Schinkenstreifchen liebt Jonatanchen


Petra stand in der Küche und schnitt versonnen schöne runde Scheiben Schinken in feine Streifchen. Sie freute sich auf den Abend und ihre Gäste. Sie würden gemütlich bei einem Glas Wein zusammensitzen und wieder einmal so richtig ausgiebig quatschen. Sie würde dabei sitzen und keine Arbeit mehr haben. Sie schob die Schinkenstreifen vom Schneidebrett in eine tiefe Glasschüssel und griff zu den Äpfeln.
Die Schinkenstreifchen waren erregt und harrten ungeduldig der Dinge, die da kommen sollten. Eines unter ihnen fand sich besonders schön. Es dehnte und streckte sich. Keines von ihnen hatte solch eine ebenmäßig geschnittene, glatte Gestalt, schlank und rank und ein winziges Stückchen größer als die anderen.
Das Streifchen schnupperte. Feiner Duft breitet sich aus, ein Duft nach milder Säure, süß und köstlich. Das Streifchen schnupperte wieder und entdeckte ganz in seiner Nähe ein Scheibchen Jonathan. Das Streifchen wand sich, drehte sich und rutsche neben das Scheibchen. Sanft schmiegte es sich an das Äpfelchen, sog und schnupperte an ihm. „Lass uns beisammen bleiben“, flüsterte es erregt, „halten wir uns fest. Niemand soll uns mehr trennen.“ Das Jonatanchen zitterte leicht und verströmte noch mehr Duft. Das hatte es in dieser Schüssel nicht erwartet. „Wir sollten uns verstecken, ganz tief unten“ seufzte es in Gedanken an das, was ihnen bestimmt war. Mit jeder neuen Lage Geschnittenem, die die Hausfrau in die Schüssel schob, rutschten die beiden etwas tiefer. Sie wollten am Grunde der Schüssel allein sein, sich verstecken, vielleicht sogar übrig bleiben, hatten aber nicht mit dem Vorwitz der Sellerieschnippel gerechnet. Ein besonders keckes Schnippelchen drängte sich zwischen sie. „Was wollt ihr, euch verstecken, gar übrig bleiben? Ich prophezeie euch, ihr werdet den gleichen Weg gehen wie wir.“ Jonatanchen drückte den Sellerie wütend zur Seite „Lass uns in Frieden, wir werden unsere Liebe genießen so lange wir können und um sie kämpfen - jawohl du Neidschnippel.“ „Wisst ihr, was euch blüht, wenn ihr übrig bleibt? Ihr landet in der Spülmaschine, werdet heiß gespült, verwirbelt, zerkleinert und zerrissen. Seid ihr dann immer noch zu groß, landet ihr im Abflusssieb. Und von dort“, fuhr das Neidschnippelchen genüsslich fort, „in den Müll oder gleich von Anfang an im Klo!“
Jonatanchen und das Schinkenstreifchen rutschten noch ein Stückchen tiefer. Sie strichen sich zärtlich gegenseitig mit etwas Majonäse ein, rieben sich aneinander –glatt, weich und zart fühlten sie sich an – und waren glücklich.
Der Sellerieschnippel schüttelte sich, als er das sah, schlängelte sich um zwei Gurkenteilchen herum und folgte ihnen. „Lass uns in Ruhe mit deinen Weisheiten, zischte das Schinkenstreifchen. - „Ihr werdet schon sehen“, unkte der Schnippel, „ich freue mich auf unsere Metamorphose, die uns der Mensch beschert. Davon träume ich, träume ich, seit ich bin!“ - „Neidschnippel“, knurrte das Streifchen und rutschte mit seinem Jonatanchen - entsetzt vor der Gabel, die in diesem Moment durch den Salat fuhr – in die Tiefe, auf den Boden der Schüssel. Sie pressten sich beide fest auf das Glas, entkamen so der Gabel und hofften, dort vergessen zu werden.
Der Abend schritt voran, Petra füllte die Salatschalen ihrer Gäste immer wieder und ließ nur einen kleinen Rest, den sie für ihre Tochter rettete, in der Schüssel zurück.
Jonatanchen und das Schinkenstreifchen freuten sich und genossen ihre Liebe. Die ganze Nacht, den nächsten Morgen bis zwölf Uhr mittags.
Die Tochter kam, sah die Schüssel mit dem Rest, fuhr mit dem Löffel hinein und rief: „Mhmhmh, Schinkensalat! Ist das alles, was ihr übrig gelassen habt? Viel zu wenig!“ – nahm die Schüssel, hob sie hoch, senkte ihren Kopf hinein und fuhr mit der Zunge bis auf den Boden. Die Schüssel blieb – sauber ausgeleckt, das Schinkenstreifchen und sein Jonatanchen aber waren verschwunden.


Schinkensalat
für 4 Personen:
200 g gekochter Schinken
100 g roher Schinken
375 g Sellerie abgetropft aus dem Glas
2 mittelgroße, säuerliche Äpfel
Essiggurken, Petersilie und Schnittlauch nach Belieben
Majonäse nach Geschmack
Alles klein schneiden, gut mischen und ziehen lassen.
Guten Appetit! (hält im Kühlschrank gut einen Tag länger!)