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Elena Golfidis

Eine Weihnachtsgeschichte


Vasili war den ganzen Tag über aufgeregt. Nun wurde es schon langsam Zeit für die Abendandacht, und der Fahrer aus der Stadt war immer noch nicht da. Kribbelig vor Anspannung lief er im Innenhof der Klosterschule auf und ab. Wenn der Fahrer jetzt käme, dann könnte er noch vor der Andacht wegkommen.
"Was lungerst du hier herum, hast du nichts zu tun?", dröhnte es hinter ihm. "Ich warte doch auf den Fahrer, Bruder Jannis", flüsterte Vasili erschrocken.
Bruder Jannis starrte ihn mit unbewegtem Gesicht an, blickte zum Uhrturm und sagte dann langsam: "Du kannst dich für die Andacht fertig machen, der Fahrer ist schon wieder weg".
"Aber…", ungläubig sah Vasili zu Bruder Jannis hoch, "ich darf doch mitfahren nach Athen!"
"Nun, du wirst Weihnachten nicht bei deiner Mutter verbringen, du bist renitent und hier kannst du dich in Demut üben!" Bruder Jannis lächelte und ging weiter zur Kirche.

Fassungslos, mit gesenktem Kopf stand der Junge allein im Innenhof. Seine Tränen liefen über der Nase zusammen und ein dicker Tropfen fiel in den Staub. "Verdammt, lieber sterbe ich", dachte er. Er würde auf keinen Fall hier bleiben. Wenn Mama wüsste, dass Bruder Jannis ihn letzthin zur Strafe an den Ohren über den Brunnen gehalten hatte, dann würde sie auch nicht wollen, dass er weiter bei diesen schlimmen Mönchen lernen müsste.
Schnell holte Vasili seine gepackte Tasche hinter der Treppe hervor, verschwand, ohne sich noch einmal umzusehen, zum Ziegenstall und schlüpfte unbemerkt durch die schmale Mauertür nach draußen.
Er rannte den Klosterberg hinab und erst als er nicht mehr weiter konnte, versteckte er sich hinter einem Ginsterbusch. Er keuchte und schnappte nach Luft. Schließlich hatte er sich etwas beruhigt und entschloss sich, den Berg runter bis zur Schotterstraße zu laufen, dort würde ihn niemand vom Kloster aus mehr sehen können. Als er endlich die ausgefahrene, holprige Straße erreicht hatte, hörte er die Glocke zum Abendgebet läuten. Bald würden sie merken, dass er fehlte. Vasili wollte gar nicht darüber nachdenken, was Bruder Jannis alles mit ihm tun könnte, wenn er ihn fand, und die Straße schien ihm deshalb plötzlich zu unsicher, er lief querfeldein.

Es dämmerte bereits, als er erschöpft im waldigen Talgrund angekommen war. Sein Magen knurrte. Aber er hatte ja noch das Stück Brot vom Mittagessen, das er sich heimlich in die Hosentasche gestopft hatte. Hier, zwischen dem hohen, knorrigen Buschwerk fühlte er sich zum ersten Mal seit seiner Flucht sicher, und er setzte sich, holte das Brot und ein kleines, verbeultes Blechfläschchen aus seiner Tasche und begann zu essen. Plötzlich wurde ihm ganz leicht, er fand seine einsame Mahlzeit köstlich, er war frei und stark genug, den Weg zu Mama alleine zu finden. Er sah sich schon zu Hause, wie Mama sich freuen würde, wie sie ihn fest umarmen würde, ihr Duft, sein eigenes Bett - oder zu Mama ins Bett schlüpfen, ganz selten ließ sie das noch zu, er verlor sich in glücklichen Erinnerungen.

Ein kühler Abendwind zog auf, Vasili fror, es war besser, wenn er weiter ging. Er musste versuchen, die Küstenstraße zu erreichen. Dort würde sicher jemand anhalten und ihn nach Athen mitnehmen. In welche Richtung sollte er gehen? Am besten war es, wenn er dem Wind entgegen ging, denn der kam vom Meer. Beschwingt schritt er aus und dachte erneut an Mama. Sie hatte gesagt, es wäre das Beste für ihn, in diesen Kriegszeiten bei den Mönchen zu lernen und dass er froh sein könnte, da eine so gute Schulbildung zu bekommen. Hatte sie eigentlich gewusst, dass man dort nur altgriechisch sprechen durfte - und dass man niemals ein Mädchen oder eine Frau zu Gesicht bekam, höchstens an Feiertagen? Und dass Bruder Jannis mächtiger als Gott sein musste, weil er über alles, über Essen und Beten und Karzer und Rutenschläge entscheiden konnte, wie er wollte? Alle Jungs fürchteten ihn, aber sie kamen aus der Kreisstadt und durften jedes Wochenende nach Hause.
Mittlerweile war es dunkel geworden, der Mond, der schon seit Stunden als blasse Scheibe zu sehen war, strahlte immer heller, die ersten Sterne blitzten. In der Dunkelheit schien ihm das Knarzen seiner Schuhe furchtbar laut. Irgendwo, schräg vor ihm raschelte es, er blieb stehen und horchte. Vasili schüttelte sich, nur keine Angst haben, sonst war alles verdorben, er musste einfach weiter gehen, immer weiter, bis zur Küstenstraße. Er versuchte, leise vor sich hin zu singen, aber seine Stimme erschreckte ihn in der Stille des Waldes. Seine Füße wurden schwer, und sein kleiner Wasservorrat ging zur Neige.
Plötzlich blieb er stehen und lauschte angestrengt. Was waren das für seltsame Töne? Da kam es wieder, ein fernes, lang gezogenes Heulen. Oh Gott, das waren Wölfe. Ihm wurde kalt vor Angst und er zitterte, er wollte weinen - aber, dann würden sie ihn möglicherweise hören. Noch einmal hörte er das jämmerliche Heulen. Vasili stürzte davon. Er rannte weiter, in seinem Kopf dröhnte es, Zweige schlugen gegen seine Beine, er strauchelte, plötzlich sah er ein Licht zwischen den Bäumen. Abrupt blieb er stehen, und dann schlich er vorsichtig weiter. Als er näher kam, sah er eine kleine Hütte, aus deren Türschlitz und Lädenritzen schmale Lichtstreifen quollen. Vasili war glücklich - eine Jagdhütte, nun war er gerettet!

Sachte klopfte er an die Tür. Nichts passierte. Er klopfte kräftiger. Nichts. Vielleicht schliefen die Jäger schon. Langsam drückte er die Eisenklinke nach unten. Mit einem Knirschen sprang die Tür auf und Vasili blickte in drei Gewehrläufe! Die Tasche glitt ihm aus der Hand, mit offenem Mund starrte er die drei Männer an. Würden sie jetzt gleich schießen? Doch da zog ihn einer der Männer mit einem Ruck in die Hütte und verriegelte schnell die Tür von innen. Vasili blinzelte vorsichtig.
"Was machst du hier mitten in der Nacht, du Hosenscheißer?", fragte der Mann, der die Tür zugemacht hatte. Vasili versuchte seine Tränen zurückzuhalten, trotzig hob er seinen Kopf und erklärte: "Ich will zu meiner Mama nach Athen!"
Verblüfft sah der Mann den zerzausten Jungen an. Einer der Männer fing an leise zu lachen, dann lachte auch der zweite, endlich lachten alle drei Männer. Vasili war viel zu erschöpft, um zu verstehen, was die Männer so lustig fanden. Aber sie sahen jetzt nicht mehr so bedrohlich aus und deshalb wagte er es, sich auf die Holzbank zu setzen. Sie gaben ihm Wasser und Brot, Feta und ein paar Oliven. Schweigend aß er, die Männer flüsterten leise, der große Hagere, der zuerst mit ihm gesprochen hatte, betrachtete ihn nachdenklich. Nun räusperte er sich und fragte: "Du bist abgehauen, stimmt ’s?"
Vasili nickte.
"Und jetzt willst du also nach Athen?"
Vasili nickte: "Ja!"
"Gut", sagte der Hagere, "mein Freund hier wird dich zu einem Bauern in der Nähe bringen, der fährt noch heute Nacht nach Athen, da kannst du mitfahren. Es tut mir leid, aber ihr müsst gleich aufbrechen!"
Er stand auf, blickte in die dunklen Augen des Jungen, sah den etwas eigensinnigen Zug um den Mund und lächelte. "Geh’ ruhig mit Aleco mit, er hat selber Kinder, wir alle haben Kinder", seufzte er. Er legte Vasili kurz seine Hand auf die Schulter und sagte: "Ich wünsche dir schöne Weihnachten mit deiner Mutter".

Vasili kam wohlbehalten nach Athen und konnte Weihnachten mit seiner Mutter verbringen. Ins Kloster musste er nie mehr. Erst viele Jahre später wurde ihm klar, dass er seine gelungene Flucht Partisanen zu verdanken hatte. Anders als er, der sich gerettet fühlte, als er an die Hüttentür klopfte, glaubten sich die Partisanen damals verloren, denn sie dachten, die Deutschen seien vor der Tür. Ihre Erleichterung musste riesengroß gewesen sein, als da nur ein kleiner Junge stand, der heim wollte, zu seiner Mama.


Feta in Scheiben anrichten, Zwiebelringe drauflegen, etwas Salz, Oliven und zum Schluss Olivenöl über alles geben. Dazu Weißbrot und eiskalten Retsina.


"Nicht in der Menge liegt das Gute"
Sokrates