Doris Stratmann Brigittes Bratäpfel - eine verschmähte Henkersmahlzeit Seine Frau stand mit seinen zwei Töchtern in der Küche und probierte Rezepte für die Weihnachtsfeiertage aus. Der süßliche Geruch von Bratäpfeln weckte bei ihm keinen Appetit. Im Gegenteil, er verspürte gleich wieder Übelkeit. Jene Übelkeit, die ihn nun schon seit Tagen hinderte, irgend etwas zu essen. Brigitte hatte es noch nicht einmal bemerkt. Genauso wenig wie sie nun die Reisetasche in seiner Hand nicht bemerkte. "Ich muß noch mal eben in die Firma", rief er ihr beim hinausgehen zu. "Aber komm bitte gleich wieder, wir müssen unbedingt noch das Menü für den ersten Weihnachtstag besprechen." rief Brigitte ihm hinterher und schimpfte leise vor sich hin "Dass er aber auch immer für seine Kunden sofort springt! Und hier bleibt mal wieder alles an mir hängen." Anton zögerte noch nicht einmal, als er in sein Auto stieg, und fuhr los. Normalerweise benutzte er einen landwirtschaftlichen Wirtschaftsweg, um den Weg zum Lager abzukürzen. Ärger mit der Polizei hatte er deswegen nie bekommen, schließlich gehörten alle angrenzenden Felder seinen Kunden. Während er fuhr, dachte er wieder an die Vorstandssitzung am vergangenen Freitag. Nur noch ein Jahr fehlte ihm zur Ehrung als 25jähriges Mitglied des Schützenvereins - aktives Mitglied wohlgemerkt! Direkt mit seinem 16. Geburtstag war er in den hiesigen Schützenverein eingetreten, schon vier Jahre später war er Offizier und Mitglied der Reiterstandarte, und ganze neun Jahre war er nun schon Vorstandsmitglied gewesen. Ferdis Worte hatten ihn wie einen Faustschlag in der Magengrube erwischt: "In der Pressemitteilung wird es heißen, Du seist aus privaten Gründen von Deinem Amt zurückgetreten. Da brauchst Du Dir gar keine Sorgen zu machen, Anton. Von Rausschmiß kann da gar keine Rede sein." Angestrengt hatten die anderen Vorstandsmitglieder auf den Tisch geschaut. Keiner hatte es geschafft, ihm in die Augen zu sehen. Seitdem hatte ihn die Übelkeit nicht mehr verlassen. "Schlecht siehst Du aus, Anton. Du arbeitest immer noch zu viel. Gut, dass jetzt erst mal Weihnachten ist, da kannst Du über die Feiertage ein wenig ausspannen.", hatte Josef gemeint als er ihn gestern besucht hatte. Inzwischen hatte er das Lager erreicht. Er parkte und stieg aus. Niemanden würde es wundern, wenn sein Auto hier an einem Sonntag stünde. Er schloß auf, trat in die dunkle Lagerhalle und verriegelte hinter sich. Josef war sehr lange sein Chef gewesen. Zunächst war Anton sein Lehrling gewesen. Josef hatte sich dann für ihn eingesetzt und er wurde vom alten Schmies übernommen. Bei ihm hatte er gelernt, immer für die Kunden dazusein, auch an einem Sonntag. Brigitte konnte immer noch nicht verstehen, warum die Bauern sich nicht alles Notwendige bereits bei schlechtem Wetter beschaffen, wenn sie doch wissen, dass sie die nächsten Sonnenstrahlen nutzen wollen. Wie oft hatte es Streit gegeben, wenn er einem Kunden außerhalb der Öffnungszeiten ein Spritzmittel oder sonstiges vorbei gebracht hatte. Je mehr sie sich über seine Abwesenheit beklagte, um so stärker hatte er sich im Schützenverein engagiert. Erst war es ihm gar nicht bewußt gewesen. Aber irgendwann hatte auch er gemerkt, dass seine Schützenbrüder für ihn wie eine richtige Familie geworden waren. Dass sie hinter seinem Rücken über ihn gelästert und gelacht hatten, war ihm bis Freitag Abend nicht in den Sinn gekommen. Er öffnete die Reisetasche und holte seine Schützenuniform heraus. Liebevoll strich er sie glatt, polierte die Goldtressen und Orden und richtete die Federn an seinem Hut auf. Langsam zog er sich um. Als er fertig war, ging er zur Toilette, pinkelte und prüfte sein Spiegelbild. Dann stieg er feierlich die Treppe zum Speicher hinauf. Die Schlinge, die er sich nun um den Hals legte, hatte er schon gestern geknüpft. Er hob seine rechte Hand zum Salut und sprang. Brigittes Bratapfelrezept: Zutaten: 4 mittelgroße Äpfel (am besten Boskop) 2 EL Hagebuttenmus 2 EL Magerquark 2 Eigelb Zimt 2 TL Honig Saft von einer halben ungespritzten Zitrone Die Äpfel gut waschen und abtrocknen, nicht schälen. Das Kerngehäuse sorgfältig entfernen. Hagebuttenmus, Quark, Eigelb, Zimt, Honig und Zitronensaft zu einer Masse verrühren. Die Füllung in den Apfel hinein geben und die Äpfel auf ein leicht gefettetes Backblech setzen. In den vorgeheizten Backofen schieben und bei 220 Grad etwa 30 Minuten braten. Tipp: Je nach Geschmack kann die Füllung noch mit ein paar gehackten Nüssen, Sesamsamen oder Rosinen verfeinert werden. |
||